(I)
In der Grundschule lernte ich das Einmaleins und die Lehrerin lernte uns, wie die Wörter korrekt geschrieben werden. Einmal im Jahr war Weltspartag. Für uns Schüler war es ein besonderes Ereignis in dem sonst tristen Schultag. Klassenweise gingen wir herüber zu unserer Dorfbank. Vor vielen Jahrzehnten als Genossenschaftsbank gegründet, hatte sie hier ein Monopol. Wir waren stolz auf diese Institution. Der Bankdirektor wohnte direkt nebenan und hinter den Schaltern arbeiteten Leute aus dem Dorf.
(II)
Am Vortag wies uns die Klassenlehrerin an, die Spardose und das Sparbuch mitzubringen. Am Abend zuvor steckten wir zu den vorhandenen, noch weitere Pfennige und Groschen dazu. Bis zum Rand gefüllt kam alles in den Schulranzen. Das Sparbuch im DIN-A6-Format bestand aus mehreren Seiten. Es hatte einen harten Umschlag. Auf der ersten Innenseite waren der Name und die Kontonummer vermerkt. Die Nummer meines Sparbuchs bestand aus zwei Ziffern und lautete '19'. Damals hatte das Dorf etwa dreitausend Einwohner. Mehr als vier Stellen wären nicht notwendig gewesen. Auf den weiteren linierten Innenseiten waren die Buchungen notiert. Wir Schüler schauten auf die letzte Spalte. Dort stand die Summe, die sich aus den Einzahlungen und Zinsen ergab. Unsere Eltern wiesen uns auf den sorgsamen Umgang hin. Mein Vater verwahrte dieses kleine Heftchen in seinem Schlafzimmer. Würden wir es verlieren, so wäre auch der eingezahlte Betrag verloren.
(III)
Gemeinsam mit der Lehrerin standen wir vor dem Gebäude mit den doppelten Eingangstüren. Der schmucklose Schalterraum bestand aus vier Tresen und einem mit Panzerglas gesicherten Auszahlungsschalter. Auf der Fensterseite standen zwei Stühle für wartende Kunden. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine Tür zu einem kleinen Raum. Nie habe ich dort jemanden hineingehen sehen. Warum sollte für diese Art von Geschäften eine Privatsphäre notwendig sein? In meinem Alter gab es eine Bank für Ein- und Auszahlungen. Die einen brachten ihr Geld dorthin und andere benötigten es, wenn sie ein Haus bauen wollten. Mit einfachen Worten hatten es mir meine Eltern erklärt. Auf den Stühlen hat niemand Platz genommen. Alle Kunden wurden prompt bedient. Es gab genügend Angestellte und bei größerem Andrang half der Bankdirektor mit.
(IV)
An der hinteren Wand stand ein mannshoher, zwei Meter breiter Tresor. Es handelte sich um einen aus schwerem und gehärtetem Metall gefertigten Panzerschrank, in dem die Bargeldbestände nachts verschlossen wurden. In den Nachkriegsjahren gab es im Keller einen großen Tresorraum. In dunklen Winternächten waren Räuber über ein Kellerfenster eingedrungen und hatten die schwere Tür aufgeschweißt. Sie erbeuteten eine große Summe und hinterließen großen Schaden. Die Tür wurde nie repariert. Die Sicherheit war dahin. Seit diesem Vorfall wurde dieser Raum als Abstellkammer benutzt. Seit dem Einbruch stand im Schalterraum dieser übermächtige Eisenschrank. Wenn er halb geöffnet war, konnten die Kunden den Inhalt nicht erkennen.
(V)
Jetzt standen zwanzig Schüler in der Schalterhalle dicht gedrängt vor den Tresen. Der Angestellte fragte, wessen Sparschwein er zuerst öffnen solle. Jeder wollte der Erste sein. Mit einem kleinen Schlüssel entfernte er die Unterseite dieser kleinen Metalldose und kippte den Inhalt vorsichtig auf die Ablage. Wir Schüler schauten auf seine Fingerfertigkeit. Er verschob die Münzen und zählte dabei laut mit. Sortiert lagen dort Pfennige und Groschen auf mehreren Haufen. Die Summe notierte er auf einem Einzahlungsbeleg. Jeder Schüler musste mit seiner Unterschrift die Richtigkeit bestätigen. Ein Jahr zuvor hatte ich das Schreiben gelernt und nun musste ich meinen Namen auf dieses Papier notieren. Ich war mir unsicher. Es war die erste Unterschrift in meinem Leben, das erste Mal, dass ich ein Dokument gegenzeichnen musste. Hatte ich alles richtig gemacht und welche Konsequenzen würden daraus folgen? Konnte ich etwas falsch machen? Der Angestellte nahm die Münzen und das Sparbuch mit in den hinteren Kassenraum. Zurück am Schalter notierte er den Betrag im Sparbuch.
(VI)
Mein Vater hatte mich ein Jahr zuvor mit zur Bank genommen und für mich ein Sparbuch anlegen lassen. Wie ich mit meinen Schulkameraden am Schalter stand, waren in meinem Sparbuch zwei Buchungen vermerkt. Der eingezahlte Betrag und eine Zinsgutschrift für das Vorjahr kamen als weitere Einträge hinzu. Stolz blickte ich auf die neue Summe. Diese zwei neuen Zeilen erzeugten das Gefühl, eine kleine Etappe, eine weitere Treppenstufe erklommen zu haben. Es war ein zweistelliger Betrag, der sich angesammelt hatte. Für uns Kinder war es ein Vermögen, für unsere Eltern eine lapidare Kleinigkeit.
(VII)
Alle Schüler hatten ihre über das Jahr gesammelten Münzen dort abgegeben. Mit ihrem leeren Sparschwein begann für uns eine neue Periode des Sparens. Bevor wir die Bank verließen, erhielten wir ein kleines Plastikspielzeug für unsere gute Leistung.
(VIII)
Sparen gehörte in dieser dörflichen Gegend zu den Lebensgewohnheiten. Diese Tugend zeigte ihren Einfluss auf die spätere Lebensauffassung. In unseren frühen Jugendjahren lernten wir, etwas zurückzulegen und einen Notgroschen für finanziell angeschlagene Zeiten zu besitzen. Wir alle gingen sonntags zur Kirche und der Pfarrer predigte bei passenden Gelegenheiten dieses vorsichtige Verhalten. Ob Unternehmer, Angestellter oder einfacher Arbeiter, alle sammelten sie Rücklagen für klamme Zeiten.
(IX)
Sie alle lebten in einem eigenen, freistehenden Haus, niemand wohnte auf dem Dorf zur Miete. In jungen Jahren strebte jeder danach, seine eigenen vier Wände zu erwerben. Nach der Schulzeit, der Ausbildung und der Bundeswehrzeit, wenn der erste Lohn auf dem Konto erschien, besprach man mit dem Partner die finanziellen Möglichkeiten. Wann würden die Ersparnisse ausreichen, um einen Kredit für ein eigenes Haus zu bekommen? Alles begann mit diesen ersten Einzahlungen auf dem Sparbuch.
(X)
Der Konsum beschränkte sich auf das Notwendige. Blieb am Monatsende etwas vom Lohn übrig, wurde es zur Seite gelegt. Wir hatten keine teuren Hobbys. Die Männer gingen am Wochenende zum Fußballplatz, während sich die Frauen zu Hause trafen. Andere waren in der Feuerwehr aktiv oder engagierten sich in katholischen Organisationen.
(XI)
Hier in der ländlichen Gegend war jeder mit dem Vorhandenen zufrieden. Niemand brauchte modische Dinge von namhaften Marken. Wer mit teuren Accessoires seinen Freunden imponieren wollte, wurde schräg angesehen. Wir kannten uns alle und niemand musste gegenüber seinen Kameraden Eindruck schinden. Keiner konnte sich verstecken, jeder kannte das Leben der anderen. Sonntags standen die Gleichaltrigen in der Kneipe gemeinsam an der Theke. Etwas Besseres zu sein, sich von den anderen abzuheben, so etwas hätten die Kameraden nicht akzeptiert. Wir lebten nicht in einer Großstadt, in der jeder anonym sein eigenes Leben führt. Hier waren wir eine große Gruppe, in der jeder jeden kannte. In dieser ländlichen Gemeinschaft nahmen alle an dem Miteinander teil und jeder war mit Freude dabei.
(XII)
Primär brauchten wir ein Haus und ein Auto. Wir dachten in Investitionszyklen. Während andere monatlich die Miete zahlen, mussten wir die Liquidität der kommenden Monate berücksichtigen. Im Keller stand ein großer Öltank für die Heizung. Ein- oder zweimal im Jahr musste er wieder gefüllt werden. Es war eine Entscheidung, die mit Bedacht getroffen wurde. Für das Auffüllen musste ein hoher Betrag gezahlt werden. Alle wollten zu einem Zeitpunkt kaufen, an dem der Ölpreis einen Tiefststand erreicht hatte. Dies gelang nur selten. Für diese Entscheidungen wurden finanzielle Mittel benötigt. Wer keinen Groschen beiseitelegte, hätte anschließend in einer kalten Behausung gesessen. Manche Überlegungen gingen über ein oder zwei Jahrzehnte. Nach dreißig Jahren musste die Ölheizung ausgetauscht werden. Die Fenster, das Dach oder auch ein Unfall mit dem Auto – überall konnten Schäden entstehen. Es wäre ärgerlich, wenn ein Schaden auftrat und hierfür ein Kredit aufgenommen werden müsste.