Es war ein langer Weg, das Leben auf eigene Füßen zu stellen. Behütet in der Familie und aufgewachsen in einer kleinen Gemeinde folgten die ersten Gehversuche in einer angrenzenden Kleinstadt, um dann die fremden Welten zu erkunden.
(I)
In den frühen Sechzigerjahren erblickte ich das Licht der Welt. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Nach dem zehnten Schuljahr hielt ich mit 17 Jahren meinen Realschulabschluss in den Händen.
(II)
Ich begann eine Tätigkeit in einem Krankenhaus. Das Gesundheitswesen sollte meinen weiteren Lebensweg bestimmen. In den folgenden zwanzig Jahren sah ich, wie ein Neurochirurg einen Tumor entfernte und mit einem elektrischen Messer Zellen aus der Gehirnmasse herausschnitt. In der Herzchirurgie konnte ich miterleben, wie der Operateur mit Nadel und Faden neue Bypässe an das Herz annähte. War die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, nahm er eine kleine Schale mit eiskaltem Wasser und schüttete es über das pochende Herz. Schlagartig stand es still. Ich war im Rettungsdienst tätig. Wir versorgten Verletzte nach einem Verkehrsunfall oder holten Drogenabhängige aus ihren Wohnungen. Ich arbeitete auch auf Abteilungen, auf denen (oftmals alte) Menschen würdevoll starben. Wir standen daneben und konnten nicht mehr eingreifen, wenn der Körper in den letzten Lebensstunden langsam alle Funktionen einstellte. In der ambulanten Pflege half ich alten Menschen bei der Körperpflege. Zusammen mit den Angehörigen hob ich sie aus dem Bett und setzte sie an den Tisch. Ich trank mit ihnen eine Tasse Kaffee und hörte ihnen ein paar Minuten zu. Ein paar Minuten, in denen sie die Wertschätzung spürten.
Jeden Tag gab es neue und interessante Dinge zu sehen. Die Arbeit wurde nie langweilig.
(III)
Bis zum Renteneintrittsalter wollte ich diesen Weg nicht weitergehen. Ich machte das Abitur und schrieb mich an der Universität ein. Jetzt wollte ich die ökonomischen Zusammenhänge kennenlernen. Hier wurden theoretische Modelle erklärt und das Prinzip von Ursache und Wirkung erläutert. Entscheidend war für mich nicht nur die Vermittlung von Wissen. Wir Studenten lernten, über den Tellerrand zu denken. Was sagten andere zu dem Thema? Mit einem breiten Hintergrundwissen wurde es möglich, die Situation aus vielen Blickwinkeln zu beurteilen.
Es war ein Potpourri von Vorlesungen. In der Mikroökonomie wurde der Homo Oeconomicus und sein Verhalten diskutiert. Wie lassen sich Entscheidungen rational erklären? In der Makroökonomie betrachteten wir wirtschaftliche Maßnahmen und analysierten ihre Wirkung. Statistik, Mathematik und die Grundlagen des Rechtssystems waren zusätzliche Pflichtfächer.
Das Fach Wirtschaftsgeschichte wurde nicht angeboten. Es war ein Jahrzehnt, in dem in der Volkswirtschaft vorrangig mathematische Modelle gelehrt wurden. Aus der Vergangenheit zu lernen und zu betrachten, welche Lösungen unsere Vorfahren angestrebt haben, war in den neunziger Jahren eine unpopuläre Vorgehensweise.
In jedem Semester nahm ich mir das Vorlesungsverzeichnis der Philosophischen Fakultät zur Hand und besuchte ein Seminar. Vielleicht klingt es verheerend, aber ich wollte verstehen, wie die Welt zumindest aus wirtschaftlicher Perspektive funktioniert.
(IV)
Für ein Jahrzehnt zog es mich in das Krankenhaus-Management. Seitdem habe ich körperliche Arbeit gegen Schreibtischtätigkeiten getauscht. Es waren mehrere Fragen, die mich umtrieben. Welche Trends gab es und waren wir als Leistungserbringer wettbewerbsfähig? Was war der Preis einer solch komplexen Leistung und mit welchen Argumenten konnten wir diesen gegenüber den Krankenkassen durchsetzen?
Es ging weiter in einem kleinen wissenschaftlichen Institut. Mithilfe großer Datenbanken analysierten wir das Leistungsgeschehen im Gesundheitssektor, erstellten Handlungsalternativen und gaben diese als Vorschlag an die politischen Gremien weiter. Es war spannend, mit Ärzten, Ökonomen und IT-Spezialisten zusammenzuarbeiten.
(V)
Wenn das Augenlicht schwindet, das Gehör mit dem Alter nachlässt, die Mobilität eingeschränkt ist - mit jedem weiteren Gebrechen wird der Alltag ein Stückchen umständlicher. Die Wertschätzung der eigenen Gesundheit wird erst verstanden, wenn sie nicht mehr vorhanden ist. Vieles würde man hergeben, um ein Leiden wieder loszuwerden.
Gleiches gilt auch für die Freiheit. Sie wird erst wahrgenommen, wenn sie einem genommen wird
(VI)
Ich habe den Zusammenhalt einer dörflichen Gemeinschaft kennengelernt. Gemeinsam werden dort Werte geschaffen, die auf der Initiative dieser Menschen beruhen. Im Kontrast dazu habe ich die Freiheit der Großstadt erlebt. In einem kleinen Dorf ist jeder fest in die bestehende Struktur verankert. In der Großstadt geht die Freiheit hingegen mit einem anonymen Nebeneinander einher. Den nächsten Nachbarn grüßt man auf dem Hausflur mit einem kurzen „Hallo”. Jede weitere Äußerung würde in Stress ausarten. Hier sucht sich jeder seinen eigenen Freundeskreis. Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen sind nur marginal ausgeprägt. In einer bestehenden Gruppe fragt niemand, warum ein Vereinskollege in den letzten Monaten nicht zu den Treffen erschienen ist. Warum auch? Jeder lebt sein eigenes Leben und alle anderen bleiben Fremde.
Alex Remmit