(I)
Das Leben wird von einer Normalität beherrscht. Von neun bis fünf sitzt man im Büro, am Abend geht man mit einem Freund in der Kneipe ein Bier trinken und am Wochenende werden mit der Freundin die Verwandten besucht. Alles wiederholt sich. Das Programm ähnelt sich Woche für Woche. Die Zeit verrinnt. Für viele ist es befriedigend. Was will man mehr? Andere wollen diesem Alltagstrott entweichen. Sie wollen mehr Spannung im Leben. Sie fordern das Risiko heraus. Mit wenig Geld begeben sie sich auf Abenteuerurlaub. Ob allein oder mit in einer kleinen Gruppe erkunden sie andere Länder. Sie genießen das Ungewisse. Sie erleben den Moment, wissen aber nicht, was morgen passiert.
(II)
Da gibt es diejenigen, die eine geistige Herausforderung suchen. Sie haben ein paar Euro auf dem Konto angespart. Sie haben in Fachzeitschriften und Büchern gelesen, wie man aus einer kleinen Summe mit cleveren Tradingstrategien eine hohe Rendite erzielen kann. Sie hörten von Warren Buffett, der mit seinem Unternehmen Berkshire Hathaway Gewinne erzielte, die weit oberhalb der normalen Marktrendite lagen. Sie lasen von Banken, die ganze Tradingabteilungen beschäftigen, um am Wertpapierhandel zu partizipieren.
(III)
Warum können das die anderen und warum kann ich das nicht? Schnell gelangen sie zu der Einstellung, dass man mit Fleiß und Übung die gleichen Gewinne erzielen könnte. Dieser Gedankengang wird weiter gesponnen. Warum sollen andere das können und ich nicht? Es klingt verlockend, mit dem eigenen Wissen und Können Gewinne am Kapitalmarkt zu erzielen. Sie gehen einem Beruf nach und arbeiten acht Stunden am Tag. Ein paar Stunden am Abend und am Wochenende sitzen sie still am Schreibtisch und machen sich Gedanken, wie der kurzfristige Handel funktioniert.
(IV)
Da gibt es nationale und internationale Broker. Alle haben unterschiedliche Konditionen. Einige bieten den Kauf und Verkauf von Wertpapieren an deutschen Börsen an. Andere konzentrieren sich auf den Handel mit Optionsscheinen. Mit den amerikanischen Brokern wäre auch ein Handel in Tokio oder Sydney möglich. Für Kauf oder Verkauf einer geringen Stückzahl verlangen sie zwei US-Dollar. Sie ermöglichen den Handel an dem New Yorker Terminmarkt. Alles klingt verlockend. Es erzeugt das Gefühl, mit den großen Playern mitspielen zu können.
(V)
Im Vordergrund steht die zentrale Frage: Wie gelingt es, am Ende des Tages einen kleinen oder auch großen Gewinn zu erzielen? Nichts wäre schlimmer, als regelmäßige Verluste einzufahren.
(VI)
Diese Gedanken werden weitergesponnen. Diese neue Tätigkeit soll ein zweites Standbein werden. Der Gedanke, wie eine erfolgreiche Strategie aussehen könnte, gewinnt immer größere Bedeutung. Die ersten Skripte über Tradingstrategien werden durchgearbeitet. Die Grundlagen von Indikatoren oder Tradingmustern werden verinnerlicht.
(VII)
Das Brokerkonto ist eröffnet, das erste Geld auf dem Handelskonto überwiesen. Die Show kann beginnen. Nach einer Woche, nach den ersten zehn, zwanzig oder vierzig Trades ergibt sich ein erschreckendes Bild. Der Blick auf den Kontostand verrät nichts Positives. Es entstand ein Verlust. Die ersten fünf Prozent vom Ersparten sind verloren. Waren es Anfängerfehler? Die ganze Mühe kann nicht umsonst gewesen sein. Andere schaffen es auch, also kann ich es auch schaffen. In der zweiten Woche ergibt sich die gleiche Situation. Summa summarum gab es wieder Verluste.
(VIII)
Jeder, der sich in dieses Metier hineinbegibt, sollte die Risiken kennen. Auch ohne Mathematikstudium kann man ein Auf und Ab erkennen. Aktien steigen und fallen. Sie können einen Siegeszug antreten und zu einem Tenbagger werden, einem Anstieg, bei dem die Aktie das Zehnfache des ursprünglichen Wertes erreicht. Es ist kein alltägliches Geschehen, aber in einem Jahrzehnt konnte man es vielfach beobachten. Kann ein Unternehmen seine Gewinne schlagartig steigern, entsteht ein überproportionales Wachstum. Die angebotenen Produkte werden dem Unternehmen regelrecht aus der Hand gerissen. Die Gewinnspannen schießen nach oben. Alle diejenigen, die eine Aktie besitzen, haben ihre Freude daran.
(IX)
Auf der Gegenseite gibt es Aktien mit fallendem Wert. Die Unternehmen können ihre Wettbewerbsposition nicht halten. Die Umsatz- und auch Gewinnaussichten schwinden. Eine Zinsänderung kann sich für Immobiliengesellschaften negativ auswirken. Sie arbeiten mit viel Fremdkapital und die zukünftigen Anschlussfinanzierungen werden teurer, wobei die Einnahmenseite, also die Mieteinnahmen aus den Wohn- und Gewerbeimmobilien, gleich bleibt. Bei Konsumaktien kann die Kaufzurückhaltung der Konsumenten zu fallenden Aktienpreisen führen. Professionelle Händler können diese Informationen schnell verwerten und ihr Portfolio umstellen. Für Laien sind diese Zusammenhänge schwer verständlich. Es bedarf einiger Jahre Erfahrung, um ein Gespür für das Marktgeschehen zu erlangen.
(X)
Wenn es auf der einen Seite die Überflieger gibt, die eine Kursrally hinlegen, so gibt es auf der negativen Seite Unternehmen, deren Aktiekurs sich innerhalb weniger Monate halbiert. Viele glauben, es sei ein Tiefpunkt, bei dem es sich lohnt, einzusteigen. Der Kurs fällt weiter und weiter. Plötzlich wird verkündet, dass auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wurde. Angeblich wurde mit Manipulationen die Auftragslage geschönt. Der Kurs fällt weiter. Die Insolvenz rückt immer näher. Ein halbes Jahr später bewegt sich der Kurs im Cent-Bereich. Niemand glaubt an eine Erholung. Das Spiel ist aus. Das Unternehmen wird liquidiert. Die Aktie wird vom Markt genommen. Der Aktionär erleidet einen Totalverlust. Es ist aus.
(XI)
Wer im Bereich von Währungen unterwegs ist und mit den Wechselkursen vom Euro oder dem US-Dollar handelt, ist ähnlichen Risiken ausgesetzt. Erinnern wir uns an die Schweizer Franken. Lange hat die Schweizer Nationalbank einen Wechselkurs zum Euro von 1,20 aufrechterhalten. Die Schweizer Wirtschaft litt unter der immer stärker werdenden Währung. Der damalige Chef der Notenbank gab bekannt, sie würde bei einem Kurs von 1,20 intervenieren und einen weiteren Anstieg nicht zulassen. (d. h. bei einem Kurs von unter 1,20 wird die SNB intervenieren und weiteres Geld auf den Markt bringen). Lange konnte sie diese Strategie halten. Die Interventionen wurden aber größer. Die Bilanz der Notenbank blähte sich auf. Aufgrund einer Affäre musste der Chef der Notenbank seinen Platz räumen. Der Stellvertreter übernahm den Job.
(XII)
Nach einigen Monaten entstand eine kritische Situation. Man erinnerte sich an die Neunzigerjahre, als das britische Pfund im ECU-Währungssystem gefangen war. Es durfte innerhalb einer bestimmten Bandbreite schwanken. Die Briten waren stolz auf ihre Währung. Sie wollten mit einem starken Pfund in dieses System einsteigen. Lange ging es gut. Der Tenor wechselte. Es kam die Meinung auf, die britische Währung wäre zu stark im System vertreten.
(XIII)
Über Nacht brach eine wilde Spekulation los. In diesem System von festen Bandbreiten brach das Britische Pfund aus dieser Range aus. Die britische Nationalbank musste massiv intervenieren. In einer Nacht hatte sie sämtliche Währungsreserven verbraucht. Das Spiel war aus. Die Notenbank musste klein beigeben. Innerhalb weniger Minuten musste man den Wechselkurs freigeben. Die Spekulanten hatten den Sieg errungen. In einer Nacht hatten sie Milliarden verdient und die Bank of England Milliarden verloren.
(XIV)
Es gab keine große Erklärung, aber es ist anzunehmen, dass der neue Vorsitzende befürchtete, für die SNB könne eine ähnliche Situation entstehen. Am 15. Januar 2015, um 10:30 Uhr, war die Welt noch in Ordnung. Mit diesem Zeitpunkt hob sie den Mindestkurs per sofort auf. Unangekündigt stellte sich der Präsident vor das Mikrofon und gab bekannt, dass die Schweizer Notenbank zukünftig nicht mehr eingreifen wolle, wenn der Wechselkurs unter diese Marke falle. Die Schweizer Nationalbank würde den Wechselkurs von 1,20 zum Euro nicht weiter verteidigen. In diesem Moment hatte der Präsident der Schweizer Notenbank den Wechselkurs freigegeben. Die Meldung lief über den Ticker.
(XV)
Diese unverhoffte Meldung zündete ein Erdbeben im Währungshandel. Spekulanten, Banken und auch Broker rechneten nicht mit einer solchen Meldung, zumal die Schweizer Notenbank eine Woche zuvor noch verkündet hatte, sie würde auch weiterhin den Wechselkurs verteidigen.
(XVI)
Innerhalb von 10 Sekunden sackte der Kurs von 1,20 auf 1,175 ab. Weitere fünf Sekunden später war die Marke von 1,15 unterschritten. Es bräuchte weitere fünfzehn Sekunden, in denen es steil bergab ging. Das Abrutschen bis zur Marke von 1,10 dauerte ganze 30 Sekunden. In den folgenden vier Minuten folgte ein wildes Auf und Ab. Es gab Kurse, die unter der Parität von 1,00 lagen.
(XVII)
In den Tagen vor dieser Ankündigung hielt sich der Wechselkurs nur knapp oberhalb von 1,20. Viele Spekulanten hatten Positionen aufgemacht in der Hoffnung, dass der Schweizer Franken wieder schwächer würde und die 1,21 erreichen könnte. Sie nahmen an, dass ein weiteres Abrutschen unter die Marke von 1,20 unmöglich war. Sie schlossen dieses Risiko aus. Entsprechend der Zusicherung der Schweizer Notenbank hatten viele Spekulanten diese Positionen nicht mit einem Stop-Loss abgesichert. Warum auch? Es galt als sicher, dass die SNB am Markt intervenieren würde, wenn die Marke von 1,20 unterschritten wird. Für viele Händler und Spekulanten war es eine sichere Wette.
(XVIII)
Um die Rendite von 5 bis 10 % zu erreichen, ist es üblich, Währungspositionen zu hebeln. Bei einem Hebel von 50 kann bei einem Kontostand von 10.000 Euro eine Summe von 500.000 Euro getauscht werden. An der Londoner Börse waren auch höhere Hebel erlaubt. Und einige Broker nutzten diese fehlende Regulierung als Marketinginstrument. In vielen Ländern ist dieser Markt reguliert und nur ein maximaler Hebel von 50 ist möglich.
(XIX)
Um ein Verständnis dafür zu bekommen: Das Konto besteht aus mehreren Unterkonten, auf denen die einzelnen Währungspositionen ausgewiesen werden. Angenommen, auf dem Konto steht ein Betrag von 10.000 Euro zur Verfügung. Es werden 200.000 getauscht. Für spekulationsfreudige Trader, die den Kurs fortlaufend beobachten, eine nicht ungewöhnliche Hebelung. Bei diesem Tausch weist das Währungskonto Euro einen Betrag von 210.000 Euro aus und das Währungskonto Schweizer Franken einen Minusbetrag von 240.000 Schweizer Franken. In einer Nebenrechnung wird in einem Abstand von wenigen Minuten die Deckung vom Broker berechnet. Würde der Wechselkurs von 1,20 auf 1,21 steigen, entstünde ein Gewinn von 1600 Euro. Damit wird die Wirkung deutlich, die die Freigabe des SFR hatte. Von 1,20 ging es in die andere Richtung. Bei einem Stand von 1,10 wäre ein Verlust von 16.000 Euro entstanden. Da das Konto nur 10.000 Euro aufwies, würde ein Margin Call entstehen. Der Broker, sofern er schnell reagiert, wird die fehlende Liquidität einfordern. Da dies nicht möglich ist, wird er die Position ohne Rückfrage beim Kontoinhaber schließen.
(XX)
An diesem Tag musste der deutsche Ableger eines englischen Brokers Insolvenz anmelden. Kann ein Trader seinen Forderungen nicht nachkommen, so ist der Broker für den Verlust verantwortlich. Und wenn dieser versagt, muss die Haftpflichtversicherung des Brokers einspringen. An der Börse muss geliefert werden. Ein weiterer Broker aus Neuseeland hatte ähnliche Probleme.
(XXI)
Für viele Trader war es eine Tragödie. Hatten sie in den Jahren gute Gewinne mit Währungen erzielt, so konnte eine kleine Unachtsamkeit in den Ruin führen. Das Setzen eines Stop-Loss hätte die Verluste begrenzt. Mehr oder minder kleine Verluste können in solchen Momenten nicht ausgeschlossen werden, hätten aber einen Super-GAU verhindert. Aus den Tradingabteilungen der größeren Banken war zu hören, dass an diesem Tag viele Verluste entstanden wären. Die Banken hatten einen leichten Husten, sind daran aber nicht gestorben.