(I)
Eltern, Geschwister, Freunde, Bekannte, die Lehrer von der Grundschule bis zum Gymnasium und der Trainer des örtlichen Sportvereins – sie alle prägen das Leben. Sie beeinflussen den Werdegang und sie wirkten mit an den erlebten Momenten.
(II)
Eine nebensächliche Bemerkung oder ein lapidar dahingeworfener Hinweis kann dem Gespräch eine Richtung geben. Diese Wendungen – sie erzeugten einen individuellen Werdegang. Sie wirkten wie Impulse, die ein Steuerrad bewegen und den Dampfer in eine neue Richtung lenken. Das Leben driftet in neue Momente, die es ohne diese Impulse nicht genommen hätte. Wäre eine Äußerung nicht gefallen, wäre eine abweisende oder entgegenkommende Handreichung ausgeblieben, würde der heutige Tag eine andere Gestalt annehmen und alle folgenden ein neues Aussehen erhalten. Diese Äußerungen, sie beeinflussen die Meinung, bewegen zu einer Handlung oder führen zu lebenswichtigen Entscheidungen. Diese Lenkung, diese Richtungsweisung hat ihren Ursprung in den Vorfällen, den Begebenheiten, den Geschehnissen. Die Person, die einem gegenübersteht, die eine banale, nebensächliche Bemerkung äußert oder die einen abweisenden Gesichtsausdruck von sich gibt – diese Situationen prägen das Leben.
(III)
Es regiert der Zufall. Eine Unachtsamkeit führt zu einem Unfall oder es bleibt bei einer Schrecksekunde. In vielen dieser Momente siegt das Glück. Es sind nur wenige Millimeter, die einen Zusammenstoß verhindern. Diese kleine Differenz verhindert einen Schicksalsschlag. Ob Katastrophe oder Beinahe-Unglück, jede dieser kritischen Lebenssituationen führt alles Folgende in eine neue, völlig andere Richtung. Ob Katastrophe oder Schreckensmoment, sie geben dem Leben eine neue Richtung, sie erzeugen eine Zukunft, wie sie ohne diesen Augenblick nicht entstanden wäre. Sie führen zu einer Einzigartigkeit, zu einem individuellen, ganz persönlichen Verlauf. Diese vielen entscheidenden Lebensmomente führen zu unterschiedlichen Erfahrungen und keine andere Person wird Identisches erleben.
(IV)
Die folgenden Aufzeichnungen sind Erinnerungen, die nach meinem fünfzigsten Lebensjahr entstanden. Es sind die Bilder, die in mir haften blieben, Situationen, die sich tief in den Gehirnwindungen festsetzten. Ob banale Situation, entscheidender Moment oder wegweisendes Ereignis, es sind diese Situationen, die sich manifestiert haben.
(V)
Im gesetzten Alter schließt ein jeder für ein paar Minuten die Augen, um sich an die ersten Erlebnisse des eigenen Lebens zu erinnern. Langsam kommen Situationen aus der Kindheit zum Vorschein. Wage und verschwommen erscheinen die Bilder aus der Vorschulzeit oder von dem Elternhaus. In dem Familienalbum kleben Bilder, die Assoziationen hervorrufen, die den Ort des Gezeigten wieder in seinen Dimensionen zum Vorschein kommen lassen. Die Erinnerungen der frühen Kindheit bleiben nur bruchstückhaft. Zwischen dem Heute und diesen vagen Erinnerungen liegen mehr als fünfzig Jahre. Mit jedem weiteren Jahr werden sie weniger, verblassen und müssen Platz machen für das aktuelle Tagesgeschehen.
(VI)
Dieses Schwelgen in früheren Zeiten holt die vergangenen Momente für ein paar Sekunden in die Gegenwart zurück. Die erste Motorradfahrt, der Blick von einem Aussichtsturm, der erste Urlaub und der erste Kuss – sie bleiben haften. Bis zum Lebensende bleiben sie ein stiller Begleiter.
(VII)
Viele Erzählungen liegen mehrere Jahrzehnte zurück. In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es in den kleinen Gemeinden kaum Aufzeichnungen. Diese Zeitperiode lebt nur in den Köpfen der Menschen. Diese Erinnerungen schwinden und die älteren Menschen werden langsam sterben. In zehn oder zwanzig Jahren sind die Geschehnisse dieser Zeitperiode nur noch aus Aufzeichnungen ersichtlich. In der Gemeinde gibt es das Personenregister. Die Kirche führt ein Buch mit den Taufen. Bei besonderen Anlässen schickte das lokale Kreisblatt einen Reporter. Am kommenden Tag findet sich ein kleiner Bericht in der Zeitung. Zu großen Jubiläumsfeiern wird ein Fotograf für eine große Übersichtsaufnahme beauftragt. Von allen anderen Ereignissen, vom Zusammenleben dieser Menschen, wird nichts mehr bleiben. Wie diese Generation, wie diese Leute lebten, wie sie einander begegneten, verschwindet in einem Nichts.
(VII)
Langsam entwickelte sich die digitale Fotografie. Jeder hat eine Kamera an seinem Smartphone und jede Feier wird im Bild festgehalten. Das Smartphone wird defekt, die Festplatte des Computers versagt und die Bilder sind verloren. Die Sportgemeinschaft oder der Schützenverein, sie dokumentieren ihre Veranstaltungen. Viele erkennen den Verlust ihrer Vergangenheit, wenn sich keiner der Dokumentation annimmt. In den Gemeinden entstehen die ersten Heimatvereine.