(I)
Die Bauchschmerzen begannen am Vormittag. Es waren dumpfe Schmerzen, nicht zu heftig, die sich nicht lokalisieren ließen. Was soll’s. Was hatte ich in den letzten Stunden gegessen? In den Nachmittagsstunden hielten sie weiter an. Ich saß am Schreibtisch und hatte ein Buch aufgeschlagen. Mit diesen Beschwerden fiel es mir schwer, mich auf das Thema zu konzentrieren.
(II)
Ich war Student im fortgeschrittenen Semester. Am Wochenende arbeitete ich im Krankenhaus. Ich erhielt BAföG, aber ohne den Zuverdienst hätte ich mein Leben an vielen Stellen einschränken müssen. Für die kommenden Tage hatte ich die Nachtschichten auf unterschiedlichen Stationen angenommen. Von der Hauptnachtwache wurde ich gerne als Lückenbüßer eingesetzt. Fiel am Wochenende ein Mitarbeiter aus, sprang ich ein. Es gefiel mir. Während andere am Wochenende nur ungern arbeiteten, bevorzugte ich diese Tage und erhielt die entsprechenden Zulagen.
(III)
Meine Nachtschicht begann um acht Uhr auf einer internistischen Station. In fünf Stunden musste ich meinen Dienst antreten. Ich war mir gewiss, bis dahin würde eine Linderung eintreten.
(IV)
Frühzeitig fuhr ich mit dem Auto los. Zwischen meiner Wohnung und der Dienststelle lagen eine halbe Stunde Fahrt. In der Umkleidekabine nahm ich mir einen blauen Kittel und eine Hose, wie sie die Mitarbeiter auf der Intensivstation trugen. Auf der Station trugen alle ihre weiße Kleidung. Als Student nahm ich mir die Freiheit, in diesem blauen Dress zu arbeiten. Darin fühlte ich mich wohl. Pünktlich betrat ich die Station.
(V)
Die Schmerzen hatten sich nicht verflüchtigt. Dieses leichte Ziehen im Unterbauch war erträglich. Ich nahm mir eine Tasse Kaffee, setzte mich ins Schwesternzimmer und wartete auf die Übergabe. Die letzten Dienste auf dieser Station lagen mehrere Monate zurück. Von den zwei diensthabenden Schwestern der Spätschicht erhielt ich die Informationen über die anwesenden Patienten. Der Reihe nach gingen wir die Akten durch. Sie berichteten über Krankheiten, vom aktuellen Beschwerdebild und von Besonderheiten, sofern welche auftraten. Bevor sie gingen, verabschiedeten sie sich mit der Frage, ob ich die kommenden Nächte auch kommen würde. Die Hauptnachtwache hatte die Nächte bis Montagmorgen zugesagt.
(VI)
Die ersten zwei Stunden war ich mit dem Rundgang beschäftigt. Auf der oberen Ablage dieses kleinen Wagens lagen die Patientenmappen. Daneben stand eine kleine Packung Baldrian. Auf der unteren Ablage befand sich eine Kiste Mineralwasser. Ich klopfte an die Tür, ging ins Patientenzimmer und stellte mich vor. Herumstehende Tassen und Teller nahm ich mit. Die leeren Medikamentenschälchen sammelte ich wieder ein.
(VII)
Jeder Patient hatte eine Flasche Wasser auf dem Nachtschränkchen stehen. War diese leer, fragte ich, ob ich sie austauschen soll. Eine kleine Aufmerksamkeit, die mir bei den Patienten viel Sympathie einbrachte. Höflichkeit, Zuvorkommenheit, und eine große Portion Gelassenheit – das waren meine Stärken. Die Patienten freuten sich über ein paar freundliche Worte. Während die Früh- und Spätschicht von Hektik geprägt war, konnte ich die Nachtschicht gelassen angehen. Bei der Übergabe hatte ich die Besonderheiten auf einen Zettel notiert. Jetzt arbeitete ich sie ab. Ich maß den Blutdruck oder tauschte die Infusionsflasche aus. Es waren die letzten Aufgaben, bevor ich die Patienten wach antraf. Nach zwei Stunden hatte ich meine Runde beendet.
(VIII)
Meine Bauchschmerzen wurden stärker. Ich konnte nicht mehr. Ich rief die Hauptnachtwache an. Wenige Minuten später kam sie auf die Station. In diesem Zustand konnte ich meinen Dienst nicht weiterführen. Sie musste Ersatz für mich organisieren. Die weiteren Stunden bis zur Übergabe um sechs Uhr hätte ich mit den Schmerzen nicht ausgehalten. Zehn Minuten später konnte ich die Station an eine andere Mitarbeiterin übergeben. Ich erzählte ihr alle wichtigen Dinge. Die Hauptnachtwache saß daneben und hörte zu.
(IX)
Als ich das Krankenhaus durch den Haupteingang verließ, schaute die Mitarbeiterin an der Pforte – so nennt man den Eingang, in dem die Kommunikation zwischen den Patienten und dem Personal gemanagt wird – verdutzt. „Ich kann nicht mehr, ich muss nach Hause“, verabschiedete ich mich von ihr. Eine Strecke von dreißig Kilometern stand mir mit dem Auto bevor. Unruhig saß ich hinter dem Steuer und drehte mich mehrmals langsam im Sitz. Mit leichter Positionsveränderung war eine vorübergehende Schmerzlinderung zu erreichen. Zu Hause angekommen, wurde die Situation nicht besser. Im Bett liegend, verschlimmerte sich der Zustand. Eine Aspirin-Tablette hatte ich im Krankenhaus genommen. Mitternacht war bereits vorüber. Ich lebte allein in dem Studentenwohnheim. Hier war ich auf mich allein gestellt. Zu meinem Zimmernachbarn hatte ich keinen Kontakt. Studienkollegen um diese Uhrzeit anzurufen, wäre zwecklos gewesen. Ich hatte nur zwei Bekannte, die ich um diese Uhrzeit vielleicht noch erreichen könnte. Ob sie mir dann helfen würden, war fraglich.
(X)
In dieser Situation benötigte ich ärztliche Hilfe. Was sollte ich tun? Um diese Uhrzeit einen niedergelassenen Arzt zu finden, der Notdienst hatte, wäre zu kompliziert. Meine Entscheidung stand fest. Ich wollte ein Krankenhaus aufsuchen. An meinem Studienort kannte ich einige gute Häuser. Alternativ könnte ich auch zu dem Hospital fahren, in dem ich arbeitete. Dort kannte ich die Abläufe und die Qualität der Behandlung. Wenn Mitarbeiter im eigenen Krankenhaus liegen, werden sie oftmals bevorzugt behandelt, selbst wenn sie nicht privat versichert sind. Ich fuhr wieder zurück, diesmal nicht als Arbeitnehmer, sondern als Patient. Schnell packte ich ein paar Sachen in meine Tasche und fuhr los. Obwohl ich diese Strecke fast täglich fuhr, kam sie mir an diesem Abend endlos vor. Um die Schmerzen erträglich zu halten, robbte ich von einer Arschbacke auf die andere. Dieser leichte Wechsel im Sitz brachte für wenige Minuten Erleichterung.
(XI)
Die Frau an der Pforte schaute mich verblüfft an, als ich erneut vor der Tür stand und nach einem Arzt fragte. Sie schickte mich in die chirurgische Ambulanz. Ein junger Assistenzarzt führte die üblichen Untersuchungen durch und schickte mich zum Röntgen. Als ich mit einem kleinen Rollstuhl wieder zurück zur Ambulanz geschoben wurde, saß ich dort, ohne dass etwas unternommen wurde. Die Schmerzen wurden unerträglich. Als ich den Arzt darauf hinwies, gab er mir ein krampflösendes Mittel. Schlagartig linderten sich die Beschwerden. Nach wenigen Minuten fühlte ich mich wieder lebendig. Trotz der nachlassenden Schmerzen wurde ich stationär aufgenommen. Jetzt lag ich auf einer chirurgischen Station. Ich schloss die Augen und schlief ein. Zwischen drei und vier Uhr begann die Tortur von Neuem. Die Wirkung des krampflösenden Mittels hatte nachgelassen. Krampfartig zogen sich die Schmerzen durch den Bauchraum. Verkrampft wechselte ich minütlich meine Liegeposition. Meine Gallenblase war Jahre zuvor entfernt worden und konnte somit nicht die Ursache sein. Erst nach mehrmaligem Drängen kam der diensthabende Arzt. Von ihm erhielt ich erneut ein krampflösendes Schmerzmittel. Damit war die Nacht gerettet.
(XII)
An diesem Samstag war der ärztliche Bereitschaftsdienst im Haus. Gegen neun Uhr wurde ich dem Oberarzt vorgestellt. Ein Pfleger schob mich mit dem Rollstuhl zur Ambulanz. Dort durfte ich mich auf eine Trage legen. Während der Oberarzt meinen Bauchraum mit seinen Fingern abtastete, las ein Assistenzarzt die Befunde aus der Akte vor und schilderte die Symptome der letzten Nacht.
(XIII)
Nach kurzer Überlegung hatte sich der Oberarzt entschieden: „Wir schauen nach. 14 Uhr Schnitt.“ Jeder der Anwesenden kannte diesen Ausdruck – ich auch. Um 14 Uhr wird der Operateur die Operation beginnen und alle Beteiligten wissen, welche Vorbereitungen sie treffen müssen. In der Eile fragte ich zurück, wo er den Schnitt setzen wolle. Mit Zeigefinger und Daumen zeigte er auf den Bereich zwischen Nabel und Schambereich. Ein Schnitt von vielleicht fünf Zentimetern. Ich war beruhigt. Ich hatte befürchtet, er würde einen Schnitt quer über den Oberbauch setzen.
(XIV)
Während ich dort lag, ging es mir gut. Schmerzen hatte ich keine. Der Oberarzt hätte auch zu dem Schluss kommen können: „Wir beobachten den Zustand.“ Aber nein, er wollte operieren. Er wollte nachschauen. Ich stand wieder auf. Mit dem Rollstuhl ging es zurück zur Station. In den kommenden Stunden durfte ich weder etwas essen noch trinken.
(XV)
Mittags kam der Narkosearzt und stellte mir die üblichen Fragen. Vorerkrankungen und Allergien konnte ich verneinen. Wenige Minuten später kam ein Chirurg und bat mich um die Einwilligung zur OP. Es war ein Freifahrtschein für den Operateur. Sie wussten nicht, was sie erwartete und so unterschrieb ich, dass sie die Operation in alle Richtungen erweitern durften. Wenn nötig, hätten sie auch einen künstlichen Darmausgang legen können. Ein mulmiges Gefühl kroch in mir hoch. Eine Alternative blieb mir nicht. Hätte ich diese Generalklausel aus dem Aufklärungsbogen gestrichen, hätte dies eine zweite Operation bedeuten können. Das wollte ich auch nicht. Der Chirurg beruhigte mich und sagte, ich solle nicht den ‚Schwarzen Peter‘ an die Wand malen.
(XVI)
Ich erhielt ein OP-Hemd und eine Tablette zur Prämedikation. Letztere diente zur Vorbereitung der Narkose. Eine halbe Stunde vor dem Termin schoben mich zwei Krankenschwestern in den Operationssaal. Dort nahm der Anästhesist mich in Empfang. In der OP-Schleuse wechselte ich vom Bett auf einen fahrbaren OP-Tisch. Im Vorraum des OP legten sie mir einen Zugang am meinem linken Unterarm und hingen eine Infusion daran. Als sie das erste Narkosemittel verabreichten, schlief ich ein.
(XVII)
Mir war die Prozedur bekannt. Es war meine zweite Operation. Zudem hatte ich während meiner Ausbildung zum Krankenpfleger im OP gearbeitet. Aber eine Operation als Pfleger zu begleiten, ist etwas anderes, als selbst Patient zu sein.
(XVIII)
Keiner kannte die Ursache für meine Symptomatik. Eine präzise Diagnose konnte niemand stellen. Obwohl ich als Krankenpfleger einen gewissen Überblick habe, stand auch ich in diesem Moment ratlos da. Was könnte die Ursache für diese kolikartigen Schmerzen sein? Als ich wieder aufwachte, war meine erste Frage: „Was war es?“ Ein perforierter Appendix, antwortete der Anästhesiepfleger, der mich im Aufwachraum betreute. Der Blinddarm war durchgebrochen.
(XIX)
Der Oberarzt hatte die richtige Entscheidung getroffen. Innerhalb weniger Stunden den Bauch aufzumachen, hat Schlimmeres verhindert. An dieser Stelle kann ich behaupten: Er hat mich vor dem Tod bewahrt. Er hätte mit der Operation auch warten können. Die Symptome zu beobachten, ist eine gängige Vorgehensweise in der Medizin. Die Folgen – sie wären fatal gewesen. Der Inhalt des Darms wäre in den Bauchraum gelaufen. Dort hätte sich das Bauchfell entzündet. Innerhalb weniger Stunden wäre eine Peritonitis entstanden. Eine Sepsis wäre die Folge gewesen. Dieses Krankheitsbild endet überwiegend tödlich und diejenigen, die eine solche Prozedur überleben, kämpfen oft jahrelang mit den Folgen.
(XX)
War es die Erfahrung des Oberarztes oder eine Intuition? Noch heute frage ich mich, was ihn zu dieser Entscheidung bewogen hat. Es war die richtige Entscheidung – ich habe Glück gehabt.
(XXI)
Eine zunächst banal erscheinende Situation kann sich zu einem lebensbedrohlichen Ereignis entwickeln. Ein entzündeter Blinddarm schmerzt. Oftmals klingt die Entzündung wieder ab. Der Körper kann sich selbst helfen. Diese dünne Schicht, die den Blinddarm nach außen hin abgrenzt, trennt den sterilen Bauchraum vom Darminhalt. Durch diese kleine Schicht werden Bereiche voneinander getrennt, die niemals zusammenkommen dürfen. Die Darmflora, die aus verschiedenen Bakterien besteht, zersetzt die aufgenommene Nahrung. Der menschliche Körper ist auf diese Helfer angewiesen. Der Darm kann damit gut umgehen. Die Darmwand bildet zum Bauchraum hin eine starke Barriere.
(XXII)
Eine Entzündung im Wurmfortsatz des Dickdarms kann fatale Folgen haben, wenn dessen dünne Wand platzt. Dieses kleine Loch bringt den Körper in eine lebensbedrohliche Situation. Einige wenige Bakterien, die in den sterilen Bauchraum gelangen, können sich dort vermehren und ausbreiten. Die körpereigene Abwehr ist dieser Notlage nicht gewachsen. Innerhalb weniger Stunden hat die Entzündung ein nicht mehr beherrschbares Ausmaß angenommen. Andere Organe werden in Mitleidenschaft gezogen. Es entsteht ein Multiorganversagen. Dieser kleine Riss im Blinddarm, dieser kleine Durchbruch, bringt eine Lawine ins Rollen, die nicht mehr gestoppt werden kann. Wird er zu spät erkannt, führt er geradewegs in den Tod.
(XXIII)
Wird ein durchbrochener Blinddarm rechtzeitig entdeckt, wird er während der Operation entfernt. Um eine Ausbreitung des entzündlichen Geschehens zu verhindern, wird das erste Antibiotikum während der Operation verabreicht. Nach einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt kann das Leben weitergehen.
(XXIV)
Wenn es Situationen im Leben gibt, in denen man ein wenig Glück braucht, so war dies eine davon. Hier konnte ich sagen: „Verdammt viel Glück gehabt“.