(I)
Im Frühjahr hatte ein Tanzlehrer den Saal der örtlichen Gaststätte für einen Abend in der Woche angemietet. Alle aus meinem Jahrgang meldeten sich für diesen Tanzkurs an. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, in den jugendlichen Jahren einen solchen Kurs mitzumachen. An jedem Mittwochabend hieß es jetzt: Tanzstunde. Ich ging in die achte oder neunte Klasse. Alle Jugendlichen meines Alters nahmen an diesem Kurs teil. Tage zuvor wurde das Jackett aus dem Schrank geholt und begutachtet. Es passte und war sauber. Die Halbschuhe wurden eingecremt. Eine Krawatte war Pflicht. Die Mädchen kamen in einem Kleid und mit Riemchenschuhen. Zehn Minuten vor Beginn betrat ich den Saal. Auf beiden Seiten standen eine Reihe Stühle. Am anderen Ende des Saales ein kleiner Tisch mit einem Plattenspieler, einem Mikrofon und zwei größeren Lautsprechern. Jeder Teilnehmer hatte einen kleinen Zettel auszufüllen. Achtzig DM berechnete der Tanzlehrer für diese acht Doppelstunden. Ich überreichte ihm das Geld und erhielt eine Quittung. Fünfzehn Jungen saßen auf der einen Seite, die Mädchen auf der anderen und in der Mitte eine große leere Tanzfläche, ein gebohnter Parkettboden. Die Teilnehmer des letzten Jahres konnten kostenlos an diesem Kurs teilnehmen und so waren einige gekommen und nutzten die Gelegenheit, ihre Tanzschritte zu verbessern. Zu Beginn standen sie an der Theke und warteten auf den ersten Ton aus der Musikanlage.
(II)
In der ersten Stunde erklärte der Tanzlehrer die Höflichkeitsformen. Wie wurde ein Mädchen zu einem Gesellschaftstanz aufgefordert? Wie hielt man dieses Mädchen in den Arm, ohne ihr zu nahe zu kommen? Den rechten Arm um ihre Schultern gelegt, den anderen Arm als Ausleger und die Hand des Mädchens haltend. Wie hatte sich ein Mädchen zu verhalten, wenn sie den Tanz ablehnte? Andächtig hörten wir seinen Ausführungen zu. Die ersten Übungen begannen. Der Tanzlehrer erklärte die Schrittfolge und tanzte sie mit seiner Partnerin langsam vor. Vor-Seit-Vor und wieder zurück. Zusammen standen Lehrer und Lehrerin in der Mitte und vollzogen die ersten Schritte im Zeitlupen-Tempo. Eine Schallplatte wurde aufgelegt und mit Musik bekam die Bewegung dieser zwei Profis eine gewisse Eleganz. Jetzt waren wir Kursteilnehmer an der Reihe. Alle Jungen standen auf und gingen, nein, sie rasten auf die in einer Reihe sitzenden Mädchen zu. Es galt, die schönste von allen zum Tanz aufzufordern. Der Schnellere gewann. Bei dieser ersten Aufforderung war eine gewisse Zurückhaltung zu vernehmen. Der Tanzlehrer hatte die Benimmregeln erklärt und hierzu gehörte es nicht, über die Tanzfläche zu hetzen und dem Mädchen galoppartig in den Arm zu fallen.
(III)
Die ersten Schritte begannen in Zeitlupe – ohne Musik. Wie der Lehrer es vorgemacht hatte, schoben wir unsere Füße langsam nach vorn und zur Seite. Langsam wurde die Geschwindigkeit erhöht. Jetzt wurde eine Schallplatte aufgelegt. Es waren ungelenkige Bewegungen. Abgehackt und kantig waren die ersten Schritte. Die Musik von der Platte und ein 'Vor-Seit-Zurück' aus den Lautsprechern durchschallte den Saal. Seine Ehefrau ging auf einzelne Schüler zu und korrigierte ihre Haltung. Nach mehreren Minuten hatte die Platte ihr Ende erreicht. Die Jungen setzten sich wieder auf ihre alten Plätze, die Mädchen wieder in die entgegengesetzte Reihe. Weitere Erklärungen folgten und so vergingen die anderthalb Stunden mit Tanzen und Erklärungen. In dieser ersten Unterrichtsstunde gab es nur den Foxtrott als Tanz. Ob es die Ungeschicklichkeit des Mädchens war oder die des Jungen, manche Schritte waren zu groß, manche zu klein. In diesen ersten Tanzstunden blieb es nicht aus und der eigene Schuh landete auf dem des Mädchens. Ein leises 'Entschuldigung' erklang, als ich den Schuh der Partnerin auf meinen Füßen spürte.
(IV)
Eine Woche später, in der zweiten Stunde, wurde der Foxtrott perfektioniert. Aus diesem Einerlei kamen andere Drehungen hinzu und in der zweiten Hälfte der Stunde begannen wir mit dem Walzer. Alle weiteren Tänze gehörten zum klassischen Repertoire. Erst in der vorletzten Stunde lernten wir den Jive.
(V)
Dieser Kurs gehörte zum Erwachsenwerden. Jahrgangsweise nahmen die Jugendlichen des Dorfes daran teil und alle taten es mit Freude. Hier traf sich die Schulklasse der Hauptschule, die der Realschule und die Schüler von verschiedenen Gymnasien. Es war ein Ritual, einen Tanzkurs mitzumachen, um die Standardtänze irgendwie laienhaft zu beherrschen. Auf dem Schützenfest, auf der Kirmes, abends im Zelt wurde getanzt und es gehörte zum guten Stil, Walzer und Foxtrott mit den einfachsten Schrittfolgen zu beherrschen. In diesem Lebensjahrzehnt hatten wir wenig Interesse, die Benimmregeln des Knigge zu lernen. Niemand hatte das Buch gelesen und keinen von uns interessierte es, wie eine Kartoffel mit Messer und Gabel zerteilt wird. Aber diese wenigen Regeln, die hier vermittelt wurden, nahmen wir gerne auf, auch wenn sie im späteren Leben nicht immer beachtet wurden. Wenn wir in den späten Abendstunden wieder zu Hause ankamen, wurde die Krawatte wieder in den Schrank gelegt und dort blieb sie bis zur nächsten Tanzstunde liegen.
(VI)
Für viele war es die erste Tuchfühlung mit dem anderen Geschlecht. Wo gab es die Möglichkeit, einem Mädchen so nahe zu kommen? An den ersten Abenden war es mehr Verlegenheit, wenn die Aufforderung gegenüber dem anderen Geschlecht ausgesprochen wurde. Welche Gedanken gingen den Mitschülern durch den Kopf, wenn sie die Aufforderung aufnahm. In jeder dieser Stunden gab es mehrmals dieses Ritual der Aufforderung zum Tanz. Zwanzig Minuten wurde getanzt, anschließend nahmen wir auf unseren Stühlen Platz und hörten zu, wie der Lehrer einen neuen Tanz erklärte.
(VII)
Und dann war es wieder so weit. Der Tanzlehrer hatte es noch nicht ausgesprochen, aber alle Jungen stürmten über die Tanzfläche den Mädchen entgegen, machten ihre Verbeugung, hielten die rechte Hand vor, so dass das Mädchen diese ergreifen konnte, und dann standen sie auf. Diese Voreiligkeit der Jungen machte sich der Tanzlehrer zu eigen. Er begann mit den ersten Worten und alle Jungen stürmten los. „… fordern die Mädchen die Jungen auf!“, schallte eine krächzende Stimme durch den Lautsprecher. Die Überraschung war perfekt. Schnell eilten die Jungen zu ihren Stühlen zurück. Es war Damenwahl. Die Mädchen erhielten die Gelegenheit, einen Jungen aufzufordern. Diese Hast, diese Übereilung war bei den heranwachsenden Frauen nicht zu sehen. Zügig standen sie auf und gingen langsam, andere etwas zügiger über die Tanzfläche, den Jungen entgegen.
(VIII)
Der Abschlussball war der Höhepunkt dieses Kurses. In der vorletzten Stunde sollte jeder ein Mädchen aussuchen, mit dem er auf dem Abschlussball sein Können vorführen wollte. Die Eltern wurden eingeladen. Der Vater im schwarzen Anzug und die Mutter im langen Kleid bewunderten das Können ihres Sprösslings. Vielmehr war es ein Zusammenkommen der Eltern. Ihnen wurde bewusst, wie ihre erwachsenen Kinder sich attraktiv auf dem Parkett bewegten, wie die jungen Erwachsenen sich gegenüber ihren Kollegen und Kolleginnen in Stellung brachten. Stolz blickten die Eltern auf ihre erwachsen gewordenen Kinder und diese gaben sich selbstbewusst, hatten sie doch einen weiteren Schritt in ihrem Leben geschafft. Für viele war es ein Meilenstein, ein Höhepunkt in ihrem Erwachsenwerden. Hier tanzten der Arbeitersohn mit der Tochter des örtlichen Unternehmers, der Sohn vom Bankdirektor hatte ein Mädchen eines Kleinbauern aufgefordert. Es war eine Zusammenkunft für einen Abend; Freundschaften entwickelten sich hieraus keine.
(IX)
Der Glanz auf der einen Seite zeigte auf der anderen eine hässliche Schattenseite. An diesem Kurs hatten sich zwei Mädchen mehr angemeldet. Diese geringe Differenz, dieser kleine Unterschied in der Anzahl von männlichen und weiblichen Teilnehmern hatte ihre Folgen. Bei jedem Tanz blieben zwei Mädchen auf ihren Plätzen sitzen. Niemand forderte sie auf – und es waren immer die Gleichen. Die zwei Letzten blieben auf ihren Stühlen kleben. Es fiel nicht auf, ob ein Mädchen zuerst oder als Letztes aufgefordert wurde. Sie hatten einen Partner gefunden und standen jetzt auf der Tanzfläche, aber für diese Zwei muss es ein Graus gewesen sein. Der Tanzlehrer behob diesen Missstand, soweit es ihm möglich war. Es half nicht viel. Diese Unattraktivität, nicht dem Schönheitsideal entsprechende Gesichtskonturen oder eine über das Normalmaß hinausgehende Leibesfülle wurde in dem vollen Ausmaß sichtbar. Oftmals half der Tanzlehrer aus und tanzte mit einem der Mädchen. Waren einige Schüler aus dem letzten Jahr zugegen, nutzten sie die Chance und forderten sie die Sitzengebliebenen auf. Der Tanzkurs war nach drei Monaten beendet. Diese zwei, die hier ihre Schmach erlebten, fanden ein paar Jahre später einen netten Jungen. Heute sind sie glücklich verheiratet. An mehreren Tanzabenden gab es eine Damenwahl. Die Mädchen durften die Jungs auffordern. Jetzt saßen wir auf dem Präsentierteller und waren gespannt, von wem wir auserkoren wurden. Jeder von uns wird sich die Frage gestellt haben: Gehöre ich zu den ersten, die aufgefordert werden, oder bin ich einer aus der zweiten Reihe? Wir sammelten unsere ersten Erfahrungen im Bereich der Attraktivität.