(I)
Morgens um sieben lag die Tageszeitung in einer eigens neben der Eingangstür befestigten Plastikröhre. Ein älterer Herr verteilte sie jeden Morgen um die gleiche Zeit an alle Abonnenten, und das war fast jeder Haushalt. In den kalten Monaten fuhr er in der Dunkelheit mit dem Fahrrad die Straßen entlang und steckte ein Exemplar in den Briefkasten oder, wenn vorhanden, in diese Plastikröhre. Ob bei Regen oder Schnee, die Zeitung lag pünktlich, von montags bis samstags, an dem gewohnten Platz. Nur am Sonntag gab es keine Ausgabe. Mein Vater holte sie heraus und legte sie auf den Küchentisch. Während er seinen Kaffee trank und sein Käsebrot aß, hatte er sie aufgeblättert vor sich liegen. Lautlos saß er da und studierte die Neuigkeiten des gestrigen Tages. Hier standen alle Ereignisse, die sich im Landkreis ereignet hatten. Es war der Regionalteil, der zuerst gelesen wurde. Die ersten Seiten mit den nationalen und internationalen Nachrichten gab es auch im Fernsehen, aber die regionalen Events standen nur in diesem Blatt.
(II)
Besonders spannend waren die Artikel aus der Gemeinde. Wenn der Kindergarten ein Fest organisierte, wurde ein Journalist eingeladen und dieser kam, machte ein paar Fotos und interviewte die verantwortlichen Personen. Am folgenden Tag war ein kurzer Text mit einem Foto in der Ausgabe zu sehen. Stolz waren die Leute, wenn sie sich auf diesen Fotos wiedererkannten. Mit Ausnahme der Vorsitzenden der örtlichen Vereine wurde diese Publicity nur den Wenigsten zuteil. Wenn sich in bestimmten Jahreszeiten die Schützenfeste in den Gemeinden des Landkreises häuften, kam es vor, dass kein Journalist vor Ort war. Die Suche nach einem Artikel am nächsten Morgen war vergebens. Alle größeren Veranstaltungen, ob das regionale Reitturnier oder der Fußballwettbewerb der Jugendmannschaften, konnten am Folgetag in dem Kreisblatt nachgelesen werden.
(III)
Waren alle Regionalnachrichten gelesen, der erste Teil mit den nationalen und internationalen Neuigkeiten durchgeblättert, folgte der hintere Teil mit den Todesanzeigen. Gemischt mit den Werbeseiten hatte sich hier ein kleines journalistisches Personenstandsregister entwickelt. Wer war verstorben, wer hatte geheiratet und welche Familie hatte ein Kind bekommen? Es war üblich, nach der Geburt eines Kindes, einer Hochzeit oder einem Trauerfall eine kleine Anzeige im Kreisblatt aufzugeben. Mein Vater interessierte sich mehr für die Todesfälle. „Schau an, der is auch gestorben“, hieß es dann. Er kannte sie, wusste, wer sie waren, und konnte sie bildlich zuordnen, obwohl er keinen Kontakt zu ihnen hatte. Die jungen Menschen, die ihren Nachwuchs erhielten, das war für ihn eine andere Generation. Für ihn lebten sie in einer anderen Welt.
(IV)
Von den dörflichen Ereignissen wurde gelegentlich der Artikel ausgeschnitten und säuberlich verwahrt. Oder es wurde die ganze Ausgabe zur Seite gelegt. Jahre später war ich bei einem Bekannten zu Besuch. Der holte ein altes Blatt aus seinem Schrank. Es war die Titelseite einer Ausgabe der Tagespost aus dem Jahre 1938. Die Ausgabe, die den Kriegsbeginn ausrief. Die Ausgabe, in der der Überfall auf Polen beschrieben wurde. Es war ein Schatz, den er gut verwahrte. Andere hatten ihm bereits viel Geld für diese vergilbte Seite geboten. Abgeben wollte er sie nicht.
(V)
Zuletzt blätterte mein Vater die Seite mit der Werbung durch. Die Männer interessierten sich, welche Angebote es im Baumarkt gab, die Ehefrauen schauten zuerst auf die Angebote aus der Lebensmittelbranche. Am Wochenende wurden die Einkäufe aufgrund dieser Angebote vorgenommen. Zuerst zum Einzelhändler, solange das Angebot noch zu haben war, und anschließend in den Baumarkt.
(VI)
Das Frühstück war beendet, als die letzte Seite der Zeitung inspiziert wurde. Es gab nur ein Exemplar. Saßen wir mit mehreren Personen am Küchentisch, wurden die Seiten auf alle aufgeteilt. Jeder bekam einen Teil und nach einer Weile wurden diese getauscht. Schlussendlich wurde sie im Wohnzimmer auf den Couchtisch gelegt. Dieser hatte eine zweite Ablage unterhalb der Tischplatte. Mein Vater knickte sie zusammen und schob sie auf diese Ablage. Dort lag sie ein oder zwei Tage. Alle, die sie nicht am Morgen gelesen hatten, holten sie in den Abendstunden hervor. Sie wussten, wo das letzte Exemplar lag, nahmen es, blätterten es durch und legten es, säuberlich geknickt, wieder unter den Tisch.
(VII)
Ein Fernseher stand in der Zimmerecke. In den Abendstunden lief dieser ununterbrochen. Mein Vater war der Einzige, der sich für die Nachrichtensendung interessierte. Für meine Geschwister war es ein Gerät zur Unterhaltung, zum Konsum von spannenden Filmen und Serien und nur nachrangig ein Informationsportal.
(VIII)
Wenn mein Vater eine neue Ausgabe der Tageszeitung unter den Couchtisch legte, nahm er die ältere Ausgabe und schaffte sie fort. In der angrenzenden Garage stand eine große Tonne mit Altpapier. Sofern das Papier nicht als Unterlage für Werkstattarbeiten benutzt wurde, befanden sich die Exemplare mehrere Wochen in dieser Tonne.
(IX)
In diesem Kreisblatt wurden die Ereignisse mit den fünf W beschrieben. Wer hat wann, was und wo gemacht? Diesen Informationen wurde ein Zitat des Organisators hinzugefügt. Der Journalist packte ein paar Besonderheiten hinzu und die Zeilen waren gefüllt. Während die Menschen in einer Großstadt mit kulturellen Ereignissen überschüttet wurden, waren diese in einer Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern etwas Besonderes und sehr selten. Im Stadttheater wurden nur am Wochenende irgendwelche Stücke aufgeführt. Es war ein Angebot für den Stadtmenschen. Die Menschen vom Dorf konnten mit diesen Aufführungen wenig anfangen. Eine ausführliche Beschreibung des Theaterstückes hätte nicht den Nerv des dörflichen Lesers getroffen. Die politischen Entscheidungen des Kreistages oder des Stadtdirektors erhielt die Redaktion von dem Pressesprecher. Die Artikel waren entsprechend ihrer Wichtigkeit formuliert. War der Artikel zu lang, konnte der Redakteur die letzten Zeilen streichen, ohne wichtige Informationen abzuschneiden. Kritische Anmerkungen waren darin nicht enthalten. Alles war positiv beschrieben.
(X)
Ein Verkehrsunfall im Landkreis mit zwei oder drei Toten war ein Ereignis, über das geredet wurde. Dies waren seltene Ereignisse, aber wenn sie passierten, sollte jeder gut darüber informiert sein. Es waren die Themen, die abends in der örtlichen Gastschänke angesprochen wurden. Jeder wollte mitreden und wer es nicht gelesen hatte, musste es sich von anderen erzählen lassen. Aber diese Uninformiertheit wollte sich keiner nachsagen lassen. Eine ausführliche, sachliche Beschreibung solcher Ereignisse durfte in der Zeitung nicht fehlen.
(XI)
Hintergrundinformationen oder Analysen waren in der Zeitung nicht zu lesen. Das Kreisblatt wurde für den Durchschnittsbürger geschrieben. Die Handwerkerfamilie las sie, wie auch der Unternehmer. Komplexe Sachverhalte oder kritische Statements waren ihnen fremd. Es war eine Mischung für den konservativen Dorfbewohner und den aufgeklärten Stadtmenschen. Wer mehr Informationen benötigte, wer längere Analysen der nationalen Ereignisse suchte, konnte sich den Spiegel oder den Stern am Kiosk kaufen oder auch abonnieren. In dieser Zeitung gab es ein Miteinander, kritische Äußerungen waren auf lokaler Ebene nicht zu hören.
(XII)
In vielen Ausgaben wurde ein Leserbrief abgedruckt. Gebildete Bürger beschwerten sich über irgendwelche lokalen Missstände. Einem Handwerker fiel es schwer, einen Sachverhalt mit der richtigen Wortwahl und gut strukturiert darzulegen. Im Dorf gab es nur wenige Personen, die die Schriftsprache in einem Umfang beherrschten und einen Leserbrief formulieren konnten.
(XIII)
Mit den Jahren wurde die Zeitung zu einem Auslaufmodell. Es war mein Vater, der sie regelmäßig las. Ich war seit Jahren ausgezogen und die anderen Geschwister schenkten diesen geschriebenen Informationen nur wenig Beachtung. Später, als mein Bruder das Elternhaus übernommen hatte, stornierte er das Abonnement. Es hatten sich Webseiten entwickelt, die die Neuigkeiten aus der Gemeinde und dem Landkreis verbreiteten. Das Dasein der Zeitung hatte seine Berechtigung verloren.