(I)
Auf dem Dorf war jede Familie in eine Nachbarschaft eingebunden, zumindest in dem damaligen Jahrzehnt. Dieser formale Zusammenschluss wurde als Hilfsgemeinschaft verstanden. Sie war historisch gewachsen und bot in Notsituationen eine Garantie für das Überleben. Die gegenseitigen Hilfeleistungen waren und sind heute noch ein elementarer Bestandteil. Die Familien der näheren Umgebung schlossen sich zusammen.
(II)
Starb eine Person, so übernahmen die Nachbarn viele Arbeiten. In der Stadt wurden diese vom Beerdigungsinstitut erledigt. Auf ihre Hilfe war Verlass. Alle dazugehörigen Frauen kamen am Abend und schrieben die Trauerkarten. Die Familie, in der sich der Trauerfall ereignete, wurde von vielen Arbeiten ferngehalten. Bei der Beerdigung trugen die Männer den Sarg von der Friedhofskapelle zum Grab. Die nächsten Verwandten kamen ein paar Tage vor der Trauerfeier zu dieser abendlichen Trauerandacht, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Nachbarn organisierten ein Rosenkranzgebet. Sie holten den Schlüssel für die kleine Kapelle, öffneten die Türen und verschlossen sie wieder, nachdem der letzte Verwandte sie verlassen hatte. Stand eine Hochzeit an, erstellten die Nachbarn einen langen Strang aus Tannengrün und verzierten damit den Eingang des Hauses. Sie schrieben die Hochzeitskarten und errichteten ein kleines Zelt, sofern es benötigt wurde. Am Tag vor der Hochzeit waren sie beim Polterabend zugegen und zerdepperten Porzellan vor dem Eingang der Heiratswilligen. Das Brautpaar musste es mit einem einfachen Besen zusammenfegen. War der Unrat halbwegs auf einen Haufen gefegt, flogen weitere Teller und Tassen und das Fegen begann von vorn. Sie hatten mehrere Flaschen Hochprozentigem mitgebracht, die sich langsam leerten.
(III)
Diese Nachbarschaften waren eine feste Gruppe von Familien und in außergewöhnlichen Situationen konnte man sich auf diese Truppe verlassen. Jede Bauernschaft hatte ihre abgesteckten Grenzen. Jede Familie musste sich entscheiden, welcher Nachbarschaftsgruppe sie sich anschließen wollte. Es war eine offizielle Entscheidung, die niemand von heute auf morgen ändern konnte. Über Generationen waren diese Gruppen gewachsen. Kinder, die das Elternhaus übernahmen, führten diese Tradition fort. Sie vertrauten auf die Verpflichtungen, die sie von diesen Personen erwarten konnten. Auch die Familie meiner Eltern gehörte einer Nachbarschaft an. Sie bestand aus kleinen Bauerngehöften oder Handwerkerhaushalten.
(IV)
In jedem Sommer organisierten sie eine Feier. Die Vorbereitungsarbeiten wechselten von Jahr zu Jahr und wurden in unserer Nachbarschaftsgemeinschaft von zwei Familien übernommen. Sie hatten ein Zelt ausgeliehen und vor dem Stall aufgebaut. Bier und Cola brachte der örtliche Getränkehandel. Beim Metzger wurden Würstchen, Koteletts und Schnitzel bestellt. Ein großer Grill wurde aufgestellt. Alles wurde in Eigenregie organisiert. Wochen vorher wurde bei allen Familien angefragt, wer teilnehmen würde. Die Kosten wurden auf alle Anwesenden verteilt. Männer hatten dreißig, Frauen entsprechend dem geringeren Alkoholkonsum zwanzig DM zu zahlen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen war die Nachbarschaft vollständig versammelt. Wie ich später auszog, fragte mich mein Vater einige Wochen vor dem Termin, ob ich an dieser Festlichkeit teilnehmen möchte. Zu dieser Feier wäre ich herzlich willkommen. Hier waren die Personen zugegen, die mich in meiner Kindheit begleiteten. Alle unverheirateten Kinder erhielten eine Einladung. Wer heiratete und auszog, gehörte nicht mehr dazu. In den ersten Jahren nach meinem Wegzug aus dem Dorf war ich selten zugegen. Es war ein Spiel mit Zufall. Wenn ich es zu dem Termin einrichten konnte, sagte ich zu. Fünfzig Kilometer entfernt hatte ich, alleinlebend, eine kleine Wohnung. Mein Interesse an dieser Feier wurde geringer und die Leute wurden mir fremder.
(V)
Bei der letzten Feier, an der ich teilnahm, hatten sie zwei Tischreihen mit Holzbänken in einem kleinen Zelt aufgestellt. Es waren dreißig Personen gekommen. Bei Regenwetter hätten sie den Stall als Partyraum genutzt. Auf einem Tisch stand eine Zapfanlage, darunter in einer Wanne mit kaltem Wasser das angeschlossene Bierfass. Die Jüngeren übernahmen abwechselnd den Bierausschank. Hinter dieser provisorischen Theke zog er die leeren Gläser durch eine Wanne mit klarem Wasser. Auf Zuruf zapfte er das Bier. War das Bierfass leer, wurde ein neues aus dem Stall geholt. Das Anstechen blieb den Könnern überlassen.
(VI)
Mit dem Metzgermeister vom Dorf hatten sie eine Vereinbarung geschlossen. Ein Lehrling sollte für ein kleines, schwarz ausgezahltes Entgelt das Grillen übernehmen. Während des Abends stand er hinter seinem Gasgrill und legte Würste, Bauchspeck, Schnitzel und Koteletts auf. Jede Ehefrau hatte am Tag zuvor einen Salat vorbereitet. Mit ein paar Stangen Weißbrot standen diese Schüsseln in zwei Reihen nebeneinander aufgereiht auf dem Tisch. Jeder nahm sich einen Teller, packte einige Löffel Salat und eine Scheibe Weißbrot darauf und ging zum Grill. Die Frauen schauten genau hin, welche Salatkreationen die anderen mitgebracht hatten, welcher Salat den Anwesenden gefiel und welche Schüssel sich zuerst leerte. Waren besonders leckere Variationen dabei, ließen sie sich das Rezept von ihrer Kollegin geben. Es war kein gewöhnlicher Salat, wie er in Lebensmittelläden fertig angeboten wurde. Mit Liebe, mit Können und einer Küchenerfahrung von zwanzig Jahren hatten die Salate eine Geschmacksnote, die es anderswo nicht gab.
(VII)
Die Feier begann am Samstagabend nach dem Gottesdienst. Alle Nachbarn kamen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die abendliche Wärme machte ein Feiern im Freien möglich. Die Frauen saßen zusammen in der hinteren Ecke des Zeltes. Die ältere Männergeneration bevorzugte die zweite Tischreihe. Die jungen Männer, überwiegend haupt- oder nebenberuflich in der Landwirtschaft tätig, standen an kleinen Stehtischen und diskutierten über die 'hohe Politik'. Berufliche Themen endeten häufig in lauten Wehklagen. Es wurde Plattdeutsch gesprochen. Unter Nachbarn war es die alltägliche Mundart. In der Kindheit wurde sie von den Eltern übernommen. Die jüngste Generation, die kleinen Kinder, die unter den Tischen krabbelten oder auf der angrenzenden Wiese mit dem Ball spielten, sprach Hochdeutsch. Im Kindergarten, in der Schule gab es kein 'Platt'. Mit der aufwachsenden Generation rückte das Plattdeutsche mehr in den Hintergrund. Die heutigen kleinen Kinder werden es verstehen, aber nicht mehr sprechen. Mit den kommenden Generationen wird die norddeutsche Mundart aussterben.
(VIII)
Großeltern, Eltern und Kinder saßen an einem Tisch. Die Jüngsten waren im Vorschulalter. Für sie war der Umgang mit dem Plastikgeschirr ungewohnt. Viele der Älteren hatten das achtzigste Lebensjahr überschritten. In vielen Familien lebten drei Generationen zusammen in einem Haus. Jeder hatte seine Aufgaben, jeder brachte sich nach seinen Fähigkeiten in diese Großfamilie ein. Die Alten übernahmen die leichten Tätigkeiten, die Jüngeren planten die kräftezehrenden Arbeiten. Dieses Miteinander funktionierte. Wenn ein böses Wort fiel, hing der Haussegen für einige Tage schief. Ein Ausbrechen aus dieser Lage war nicht möglich. Es galt, die verworrene Situation zum Guten zu lösen, sich wieder mit dem anderen zu verstehen. Nach wenigen Tagen war der Streit vergessen und das Leben ging weiter.