(I)
Mit den Nachbarkindern spielten wir in den angrenzenden Wäldern und Wiesen. Gemeinsam mit meinem Bruder und den zwei gleichaltrigen Jungen der Nachbarsfamilie gestalteten wir unsere Nachmittage. Täglich kamen die Kameraden zu uns oder wir gingen zu ihnen herüber. Zusammen fällten wir Bäume, erstellten Baumhütten und bauten Höhlen zu Verstecken aus. Die Natur war unsere Spieloase. In dem näheren Umkreis waren wir die einzigen Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Rivalisierende Jugendgruppen gab es nicht. Die Region südlich vom Dorf war unser Reich. Die Wälder, Äcker und Wiesen – sie gehörten uns.
(II)
Wir waren in der Natur unterwegs, waren draußen an der frischen Luft und entdeckten jeden Tag neue Geheimnisse in der Pflanzen- und Tierwelt. Täglich haben wir neue Ecken erforscht. Langsam erkannten wir die Unterschiede und konnten die einzelnen Bäume und Sträucher mit ihrem Namen benennen. Wir sahen, wie ein kleiner Vogel mitten auf der Wiese sein Nest baute und darin ihren Nachwuchs hochzog. Jeden Tag schauten wir vorbei, beobachteten von der Ferne, wie die Jungen flügge wurden. Von ein paar Roggenähren zupften wir die Körner heraus und warfen sie wieder zurück auf das Feld. Jetzt kannten wir den Aufbau dieser Ähren. Roggen und Weizen wurden gesät, geerntet und zur Mühle gebracht. In den ersten Jahren sahen wir die Nützlichkeit dieser Gewächse. Die Schönheit der Sträucher und der Bäume wurde uns erst viele Jahre später bewusst.
(III)
Gitterumspannte Großstadt-Spielplätze kannten wir nicht. Die Dielen und Scheunen der Bauern, der kleine Fluss am Rande des Dorfes – für uns gab es keinen Ort, der uns fremd blieb. Wir erforschten jede Ecke, jeden Winkel. Kein Baum war uns zu hoch. Wir kletterten bis in die Krone, bis zu den Ästen, die uns noch trugen. In zehn Meter Höhe genossen wir die Aussicht aus den Baumwipfeln. In einem Kilometer Entfernung sahen wir den Kirchturm und zu jeder Viertelstunde schallte leise ein Glockenschlag herüber. Die Eltern waren fest verwurzelt in ihrer beruflichen Tätigkeit. Den Kindern hinterherzulaufen, zu kontrollieren, ob ihre Taten Leib und Leben gefährdeten – hierfür fehlte ihnen die Zeit. Sie sollten sie auch. Jede Familie hatte mindestens vier Kinder, unsere Nachbarhn waren zu siebt. Die ersten wurden erwachsen, während die Kleinste in den Kindergarten ging. Beim Abendbrot wurden wir gefragt, was wir tagsüber gemacht hatten. Der Tag war spannend und es war eine Freude, den Eltern diese Erlebnisse mitzuteilen.
(IV)
Im Sommer halfen wir den Bauern bei der Ernte. War der Roggen gemäht, lagen die metergroßen Strohballen auf dem Feld. Der Bauer fuhr den Traktor mit einem Hänger. Seitlich davon liefen zwei Helfer, die mit langen Forken die Strohballen auf dem Anhänger hievten. Auf der Ladefläche stand eine Person, die die quaderförmigen Ballen annahm. Nach zwanzig Minuten waren sieben oder acht Reihen gestapelt und der Anhänger drei bis vier Meter hoch bepackt. Der Bauer fuhr mit seiner Ladung zum Hof. Dort warteten weitere Helfer, die das Stroh in die Scheune oder unter dem Dachgiebel verstauten. Wenn die Kühe von der Wiese geholt wurden, waren wir dabei. Einer öffnete das Gatter und lockte die Viecher mit ein wenig Futter. Sie kannten den Weg zum Stall. Einer ging voran, der Zweite als Letzter den Kühen hinterher. Über kleine Feldwege, losen Sandwegen oder mit Büschen verhangenen Nebenstraßen trieben wir sie dem bäuerlichen Gehöft entgegen.
(V)
Pflügte ein Landwirt seinen Acker, wartete ich am Wegesrand, bis er mit seinem Traktor näher kam. Er hielt an und ich sprang auf. Mehrere Runden fuhr ich mit ihm über das Feld. Eine Stahlfläche oberhalb des Hinterreifens und seitlich von kleinen Metallstangen umgeben, diente als Beifahrersitz. Ruhig saß ich hier auf dieser schmalen Metallfläche, schaute auf die Weite des Feldes und blickten nach hinten, wie der Pflug mit seinen zwei oder drei Scharen die Erde umwälzte. In den warmen Monaten hatte der Bauer das Verdeck vom Traktor abgenommen. Ich atmete die Feldluft und hatte einen freien Blick nach allen Seiten. Zwei- oder dreihundert Meter zog der Pflug die Furchen in den Acker. Meter um Meter arbeitete sich der Bauer über das Feld. Am Abend hatte er die fünf Hektar gepflügt. Ein paar Tage später spannte er eine Egge hinter seinem Trecker und fuhr diese Fläche nochmals ab. Es war langwierig, eintönig, dieses Hin und Her, diese Fahrt von einer Seite des Ackers zur anderen. Am Feldrand angekommen, wurde der Pflug gewendet. Die Tour in die entgegengesetzte Richtung begann. Die ersten Runden auf dem provisorischen Beifahrersitz fand ich spannend. Nach vier oder fünf Überquerungen, die ich dort still saß, setzte mich der Bauer wieder am Feldrand ab. Mein Bedürfnis nach 'Trecker fahren' war gestillt.
(VI)
Am Neujahrsmorgen standen wir in aller Frühe auf. Die Nachbarskinder kamen herüber. Dick angezogen gingen wir in der lausigen Kälte gemeinsam von Haus zu Haus. Kniehoch lag der Schnee auf den Feldern und Wegen. Wir klingelten und brüllten laut: „Ein glückliches und gesegnetes neues Jahr“. Wir schrien alles auf Plattdeutsch, die Sprache, wie sie in allen Familien gesprochen wurde. Sie erwarteten uns, kannten den Brauch und hatten Tage zuvor große Mengen an süßen Naschwaren eingekauft. Mit einem freudestrahlenden Lächeln baten uns die Erwachsenen herein und öffneten einen großen Korb voller Süßigkeiten. Jeder durfte ein oder zwei kleine Stückchen herausnehmen. Bei anderen Familien gab es eine Tafel Schokolade. Jeder steckte seine gesammelten Leckereien in seinen Beutel. In jeder Nachbarsfamilie kam Süßes hinzu. Mittags war die Runde beendet und die Taschen waren prall gefüllt. Zu Hause kippten wir sie in eine große Schale. Wir Geschwister schauten auf die Sammlung der anderen, blickten neidisch herüber und prüften, wer mehr zusammengetragen hatte. Für die kommenden Wochen war unser süßer Vorrat gesichert. Von den Eltern wurde uns zugetragen, sorgsam damit umzugehen, diese Süßigkeiten zu genießen und sie nicht alle an einem Tag zu verzehren. In der kalten Jahreszeit nahmen wir jeden Abend ein oder zwei Teile heraus. Er hielt mehrere Wochen, bis das letzte Stückchen verzehrt wurde.
(VII)
Der Fernseher hatte sich auch in der Landbevölkerung durchgesetzt. Jede Familie hatte ihren Apparat. In den Abendstunden wurde das Gerät eingeschaltet. Die großen Unterhaltungsshows waren in jedem Wohnzimmer präsent. Ich ging in die erste oder zweite Grundschulklasse. Ein kleiner Junge aus Holland (niemand sprach korrekt von den Niederlanden) trat in diesen Musiksendungen auf und eroberte mit seinen schmalzigen Liedern die Herzen der Frauen. Er hieß Heintje. Der Erfolg seiner Lieder verleitete das Management zu einem Film. Das Kino in der Kleinstadt kündigte den neusten Film mit Heintje an. Meine Mutter und auch die Nachbarin wollten sich diesen ansehen. Sie waren hingerissen von seinen Liedern und mussten ihn auch auf der Leinwand kennenlernen. Am Sonntag fuhren wir zur Nachmittagsvorstellung. Es war mein erster Kinobesuch. Mein Vater kaufte die Eintrittskarten. Von dem Vorraum traten wir ein in diesen dezent beleuchteten Kinosaal. Ich stand in einem großen Raum, vollgepackt mit Stuhlreihen. Wir setzten uns in eine der vorderen Reihen und warteten. Die Glocke ertönte, langsam erlosch das Licht und der Vorhang öffnete sich. Vor uns, in geringer Entfernung wurde die überdimensionale Leinwand sichtbar. Bevor die Filmmusik einsetzte, war von hinten ein leises Tackern des Projektors zu hören. Die ersten Bilder erschienen. In dieser Vorstellung waren nur wenige Plätze besetzt. Wir hätten uns auch weiter nach hinten setzen können. Aus dieser Position war die Leinwand in ihrer vollen Größe nur schwer überschaubar. Aber wer von uns wusste, wo sich die besten Sitzplätze befanden. Es war mein erster Besuch und wahrscheinlich auch der erste meiner Eltern. Mit dem Kinderstar in der Hauptrolle wurde eine spannende Geschichte erzählt. Die Lieder der neusten Langspielplatte wurden in dieser Filmstory eingebettet. Alle fünf Minuten ertönte eine neue Melodie. Der Klang im Kinosaal war nicht vergleichbar mit dem des heimischen Fernsehers oder den kleinen Lautsprechern des Plattenspielers. Es war die Idee der Ehefrauen, unserer Mütter, diesen Kinderstar im Kino zu sehen. Sie schwärmten von seinen Liedern. Die Familien, die einen Plattenspieler besaßen, kaufen ein oder zwei Singles von ihm und spielten sie tagtäglich. Nach neunzig Minuten endete die Geschichte mit einem Happy End. Der Vorhang schloss sich. Die ersten Lampen brachten Licht in den Saal. Die Vorstellung war vorbei. Es war das einzige kulturelle Ereignis, das ich in meinen Kinderjahren erlebte.