(I)
Neben der handwerklichen Arbeit gab es für meinen Vater nur eine Leidenschaft: die Jagd. Er gehörte einer dörflichen Jagdgemeinschaft an. Mehrmals im Jahr zog er während der Jagdsaison mit seinen Jagdkollegen über Felder und Wiesen und wenn Rehböcke geschossen werden durften, saß er abends stundenlang auf einem Hochsitz.
In der Umgebung des Dorfes gab es mehrere Jagdgemeinschaften. Viele Bauern schlossen sich zusammen und bildeten ein Gemeinschaftsrevier. Die großen Landwirte, die eine eigenständige Jagd beantragen könnten, verzichteten auf dieses Privileg. Das kameradschaftliche Verhältnis mit den anderen Jägern hatte einen höheren Stellenwert und so schlossen sie sich den anderen Gemeinschaften an. In der Jagdsaison vereinbarten sie einen Wochentag. Sie trafen sich nach dem Mittagessen. Bis zum Sonnenuntergang zogen sie mit ihren Schrottflinten über Wiesen und Felder.
(II)
Die Jacke hatte viele große Taschen. In diesen wurde die benötigte Munition sicher mitgenommen. Viele Jacken hatten Taschen auf der Rückenseite. Der Jäger konnte leicht nach hinten greifen und zwei weitere Schrottpatronen aus dieser Jackentasche greifen.
(III)
Viele trugen einen Rucksack auf dem Rücken. Er hatte Bänder, an denen ein toter Fasan oder ein Kaninchen aufgehängt werden konnte. Andere erlegte Tiere wurden darin gepackt, bis sie am Abend ihren Zielort erreichten. Viele hatten darin eine kleine Trinkflasche und ein belegtes Brötchen verwahrt. Unterwegs gab es keinen Imbiss, bei dem man schnell etwas zu essen kaufen konnte. Man lief über Äcker, die weit vom nächsten Dorf entfernt lagen. Die nächste Mahlzeit gab es erst am späten Abend.
Mit ihren Gummistiefeln oder den wasserdichten Lederstiefeln, der Cordhose und ihren schweren Jacken waren sie jedem Wetter gewachsen. In den Achtzigerjahren wurden die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Jeder Jäger oder Treiber trug einen Hut mit einem weiß-roten Leuchtband.
(IV)
Hatten sie das letzte Wäldchen durchkämmt, legten sie die erlegten Kaninchen, Hasen und Fasanen in Reihen zusammen und verteilten sie unter den Anwesenden.
Waren Treiber mit eingeladen, konnten sie einen Teil der erlegten Tiere zu günstigen Preisen erwerben. Wenn sie ein Kaninchen mitnahmen, erhielten sie es, so wie es dort lag. Das Fell mussten sie dem erlegten Tier selbst über die Ohren ziehen.
Die Jäger gingen weder ins Theater noch ins Kino. Sie besuchten keine Lesung und kein Konzert. Überwiegend waren es die Landwirte vom Dorf. Morgens um sechs standen sie im Stall, um Kühe zu melken. Oder sie warfen einen ersten Blick auf die Rinder. Die Arbeit begann mit dem Sonnenaufgang. Hatte die Ehefrau das Frühstück vorbereitet, so waren für jeden Bauern die ersten zwei bis drei Arbeitsstunden vorüber.
Mein Vater war die große Ausnahme unter seinen Jagdkollegen. Er war einer der wenigen, der keinen landwirtschaftlichen Betrieb führte. In der Jagdgemeinschaft nördlich vom Dorf hatten sich zwei Unternehmer der Jagdgemeinschaft angeschlossen. Ein Bäckermeister mit eigenem Geschäft. Abseits vom Dorf hatte ein Chemiker mit Doktortitel ein eigenes Labor eröffnet. Er stand mehr in seinem Labor, anstatt bei den Reviergängen mitzugehen.
Mit Ausnahme der Landwirte war es für alle anderen ein teures Hobby. In der Gemeinschaft teilten sie sich die Pacht. Ein halber oder sogar ein Monatslohn eines durchschnittlichen Arbeiters war als jährliche Pacht fällig. Hinzu kamen die Ausgaben für die Ausrüstung und die Munition. Als Landeigentümer erhielten die Bauern diese Pachteinnahmen größtenteils wieder zurück.
Am Folgetag hängte mein Vater die Kaninchen und Hasen an den Hinterbeinen auf und zog ihnen das Fell über die Ohren. Den Fasanen wurden die Federn ausgezupft. In Plastiktüten eingepackt wurde die Jagdbeute in der Tiefkühltruhe eingefroren.
Viele der Jäger waren Bauern aus dem eigenen Revier. Sieben Tage in der Woche waren sie für ihr Gehöft verantwortlich und so war es ihnen gleichgültig, wann sie diese Jagd abhielten. Die Arbeit auf dem Hof wurde mit der Familie organisiert. Gingen sie zur Jagd, blieben an diesem Nachmittag die Arbeiten auf dem Hof liegen. Für diese Stunden vergaßen sie das Pflügen, Säen und Ernten. In einer Gemeinschaft von acht oder zehn Waidmännern durch das Revier zu ziehen, war ihre Passion. Mein Vater hatte eine kleine Schusterwerkstatt und einen kleinen Laden. Wenn er zur Jagd aufbrach, musste meine Mutter die Kunden im Schuhgeschäft bedienen. Sie kannte die Verkaufsgepflogenheiten. Eine Jagd ausfallen zu lassen, wäre meinem Vater nie in den Sinn gekommen.
(V)
Mehrmals im Jahr wurden Treiber eingeladen. Die Positionen der Jäger und die zu gehenden Routen der Treiber wurden vorher abgesprochen. Während die Treiber das Wild von einer Seite aus dem Wald scheuchten, warteten die Jäger am anderen Ende mit ihrer Flinte. Alle Waldstücke des Reviers wurden systematisch durchkämmt.
Ich war elf oder zwölf Jahre alt, als mein Vater mich zum ersten Mal mitnahm. In einem Abstand von fünfzig Metern ging ich mit den anderen Treibern durch den Wald. Mit Holzstöcken schlugen wir an Baumstämmen. Mit viel Lärm scheuchten wir das Wild aus dem Wald heraus. Andere fanden es spannend, über querliegende Baumstämme zu klettern. Weit vor uns fielen die ersten Schüsse. Von den Jägern wurde die korrekte Schussrichtung beachtet und nie in unsere Richtung geschossen. Wurde auf Wiesen und Feldern gejagt, so gingen Jäger und Treiber mit gleichem Tempo abwechselnd in einer geraden Reihe. Ging ein Treiber zu schnell, ging er in dieser Linie einige Meter voraus, so wurde er auf sein Fehlverhalten hingewiesen. „Gehste noch 'n Schritt voraus, geben wir dich zum Abschuss frei“, wurde er ironisch, aber mit freundlichem Ton zurückgepfiffen. Jedem Jäger war die Gefährlichkeit dieses Hobbys bewusst.
Meine Freude an diesem Zeitvertreib hielt sich in Grenzen. Auch in späteren Jahren blieben es seltene Ereignisse und so habe ich nur an wenigen Jagden teilgenommen.
Bei einer Treibjagd in den Siebzigerjahren, so berichtete mein Vater, wurde ein jugendlicher Treiber angeschossen. Es war der Sohn eines Jägers. Mehrere Schrottkörner hatten sich tief in der Haut festgesetzt. Im Gesicht und auf dem Arm hatten diese kleinen runden Kugeln die obere Hautschicht durchbohrt. Er wurde zum Dorfarzt gefahren. Diese entfernte die Kugeln, desinfizierte die Wunden und nach ein paar Tagen waren alle Blessuren dieses Unglücks ausgeheilt. Bleibende Schäden hatte er nicht zu fürchten. Keiner hatte ein Interesse, den Vorfall aufzuklären. Die Polizei wurde nicht eingeschaltet.
Am Ende einer jeden Jagd wurden alle Tiere in Reihen hingelegt. Sie freuten sich über die gute Ausbeute. Ein Jäger holte eine Flasche Korn hervor. Der erste Jäger nahm das kleine Schnapsglas, hielt es still und es wurde gefüllt. Langsam trank er es aus und gab das kleine, leere Glas an seinen Jagdkollegen weiter. Der zweite Jäger hielt es still und es wurde gefüllt. Jeder Jäger und auch Treiber nahm einen Schluck oder auch zwei von diesem Hochprozentigen. Nach dieser Schnapsrunde war die Flasche halb leer. Ausgeschenkt wurde ein hochwertiger Doppelkorn und kein billiger Schnaps aus dem Discounter.
Nach den Treibjagden traf man sich in der Dorfschänke. In einem Nebenraum, abgeschirmt von den anderen Kneipengästen, servierte die Wirtin Grünkohl mit Kassler. Es wurde ein langer Abend. Bis Mitternacht wurde in der Dorfschenke der jagdliche Erfolg mit viel Alkohol begossen. Bier und Korn flossen in Strömen. Anschließend fuhren sie mit dem Fahrrad nach Hause. Jeder von ihnen wusste: Am nächsten Morgen, früh um sechs, beginnt der nächste Arbeitstag.
(VI)
In jedem Revier durfte pro Jahr eine festgesetzte Anzahl von Rotwild erlegt werden. Bevor die Saison begann, beobachtete mein Vater, wo sich die Rehe aufhielten, wo sie ihre täglichen Wanderwege zogen. An vielen Stellen hatte die Jagdgemeinschaft Hochsitze aufgestellt. In einer einfachen Variante wurde eine Leiter an einem Baum befestigt und in drei oder vier Metern Höhe eine angenehme Sitzgelegenheit geschaffen. Vor dem Sitz war ein Ast angebracht, auf dem der Jäger das Gewehr auflegen konnte. In den Abendstunden setzte sich mein Vater auf einen dieser Hochsitze und wartete. Es galt nicht, den ersten gesichteten Rehbock zu erlegen. Von der Kreisjägerschaft wurden die Abschüsse begutachtet. Ein guter Jäger erlegte nur das Wild, welches den waidmännischen Kriterien entsprach. Mehrmals die Woche saß mein Vater auf seinem Beobachtungsplatz, bis er einen passenden Bock erspäht hatte. Es kam der Abend, an dem der Bock geschossen wurde. Für das Erlegen von Rotwild hatte jeder Jäger eine Bockbüchse. Sie hatte zwei Läufe, die mit Sechs-Millimeter-Patronen bestückt werden wurden. Die unterschiedlichen Kalibermasse und die Umrechnung in Millimeter habe ich nie verstanden. Mit einer einfachen Schrottflinte kann man kein Reh erlegen. Die kleinen Kugeln würden auf einer Entfernung von fünfzig oder hundert Metern gewaltig streuen. Die Durchschlagskraft wäre auf dieser Entfernung marginal. Das Reh würde nur ein Zwicken im Fell verspüren. Hierzu benötigt man ein Geschoss, eine Kugel, die mit hoher Kraft weit in den Körper des Tieres eindringt. Es sollte ein Blattschuss werden, ein Schuss, bei dem das Reh schnell innerlich verblutet. Die Kugel sollte die lebenswichtigen Organe treffen. Denn nichts ist ärgerlicher, als dass ein Reh verletzt überlebt. Denn dann hätte man den Jagdhund vom Hof holen müssen, um dem verletzten Tier meilenweit hinterherzujagen.
Am Abend wurden alle Jäger der Jagdgemeinschaft eingeladen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Alle kamen sie, um den Abschluss zu feiern. Es wurde zu einem Besäufnis bis tief in die Nacht. Am Tag danach wurde das Tier zerlegt. Das Geweih blieb bei dem Jäger, der es geschossen hatte, das Fleisch musste abgegeben werden. Bei den Jägern ging es reihum und so erhielten wir das Fleisch von Rehböcken, die von anderen Jägern erlegt wurden. Die Hörner wurden als Trophäe auf ein kleines Brett genagelt. Jeder Jäger hatte in seinem Haus eine Wand, an der diese Gehörne sichtbar für alle Besucher und Bekannten hingen. Diese Trophäensammlung war der Stolz eines jeden Jägers. Mein Vater hatte sich auf das Präparieren dieser Teile spezialisiert. In seiner Werkstatt lag eine kleine Säge, mit der er die Hörner und einen Teil des Knochens vom Rest trennen konnte. Mit Aceton wurden die Knochen entfettet. Andere Jäger kamen mit ihren erlegten Geweihen zu ihm. Fein säuberlich präparierte er sie alle auf ein kleines Brettchen.
Auf dem Flur hingen alle Gehörner der erlegten Rehböcke. Es war der Stolz meines Vaters. Was fehlte, war ein Hirschgeweih oder umgangssprachlich ein Zwölfender. Im Revier gab es keine Hirsche und so blieb es bei den kleinen Rehgehörnen. Am Sonntag gab es oft Wildfleisch. Während der Jagdsaison war die Kühltruhe randvoll mit der erlegten Beute. In Frischhaltebeutel eingepackt und eingefroren, hielt es sich dort mehrere Monate. Mit einer Rehkeule konnte ich mich anfreunden. Hasen, Fasane oder Kaninchen mochte ich nicht. Sie hatten einen herben Geschmack. Wie ich einmal meine Mutter fragte, welche Fleischsorte aufgetischt wurde, gaukelte sie mir vor, es wäre Rindfleisch. Seit dieser Lüge hatte sie mein Vertrauen in dieser Sache verloren. Meine Geschwister freuten sich, wenn sie am Mittagstisch eine Bleikugel zwischen den Zähnen hatten, präsentierten diese voller Stolz und legten sie neben den Teller. Kaninchen, Fasane und andere kleine Wildtiere wurden mit einer Schrotladung geschossen. Auf ein vorheriges Abtasten nach den kleinen Kugeln hatte meine Mutter verzichtet.
(VII)
Im Dorf hatten wir eine eigenständige Volksbank. Diese hatte einen Pokal für die beste Mannschaft im Tontaubenschießen gestiftet. Hier kamen die Jäger der vier oder fünf Jagdgemeinschaften der Umgebung zusammen und kämpften um diese Trophäe. Mehrmals im Jahr gab es ein Trainingsschießen. Ein Bauer und gleichzeitig Jäger stellte seine Wiese zur Verfügung. Weit abseits des Dorfes wurde eine überdimensionale, halboffene Eisentonne halb in die Erde eingelassen. In dieser Tonne wurde die Wurfvorrichtung für die Tontauben installiert. Die Rückseite wurde mit Sand aufgeschüttet. Leicht erhöht und in einem Abstand von fast zehn Metern dahinter standen die Jäger mit ihren Flinten. Einer gab das Kommando, schrie laut „Los“ und derjenige, der in dieser Tonne saß, hatte die Wurfvorrichtung gespannt, eine Tontaube aufgelegt und drückte einen kleinen Hebel. Die Tontaube flog fünfzig, vielleicht achtzig Meter weit. Erst in dem Moment, als die Tontaube aus dieser abgedeckten Erdmulde aufstieg, durfte der Jäger die Flinte anlegen, die Tontaube ins Visier nehmen und den Schuss abgeben. Die Flinte hatte zwei Läufe. Wurde die Tontaube mit dem ersten Schuss nicht getroffen, konnte er schnell einen zweiten Schuss abgeben. In meinen jungen Jahren übernahm ich gern die Arbeit an der Wurfmaschine. Vier Jäger standen auf ihren Plätzen. Abwechselnd durften sie auf zehn Tontauben schießen. Mit der Wurfvorrichtung konnte ich die Flugbahn der einzelnen Tontauben bestimmen. Mal mehr seitlich nach rechts oder links und auch für die Flughöhe hatte ich einen gewissen Spielraum. Peinlich genau achtete ich auf die Flugrichtung. Jeder Jäger sollte die gleichen Chancen bekommen. Die Mannschaft meines Vaters konnte in mehreren Jahren den Pokal erringen. Von den zehn Tontauben haben sie durchschnittlich acht bis neun getroffen. Einige nicht getroffene Tonscheiben hatten die Landung im Gras heil überstanden. War das Schießen beendet, gingen wir gemeinsam über die Wiese und sammelten die heilen Tonteller wieder ein.
Ein paar Tage vor dem Schießen fuhr mein Vater zum Büchsenhändler in die Stadt und kaufte dort Patronen und die Tontauben. Während des Schießens verkaufte er die Schrotpatronen an die anderen Jäger. Die Tontauben wurden mit dem Startgeld verrechnet. Sein Auto stand zehn Meter von diesem Übungsplatz entfernt. Benötigte ein Jäger eine Packung Patronen, öffnete mein Vater den Kofferraum, in dem er die unterschiedlichen Kaliber gelagert hatte.
Am Tag nach der Jagd säuberte mein Vater seine Flinte. Er legte sie auf den Küchentisch, nahm eine Flasche mit Reinigungsöl und begann, sie vom hölzernen Schaft bis zur Mündung einzufetten. Eine kleine Bürste, an einer meterlangen Stange befestigt, zog er von innen durch den Lauf. Damit wurde auch das letzte Dreckkrümelchen entfernt. Bis zur nächsten Jagd lagerten die Flinten auf dem Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer. Erst in den Neunzigerjahren wurden die Vorschriften verschärft. Für die Gewehre und die Patronen schaffte sich mein Vater einen stabilen Metallschrank an.
Bei einem Schießen gab man mir die Gelegenheit, eine Tontaube zu treffen. Ich legte die Flinte von meinem Vater an, rief los und zielte auf die dahinfliegende Tontaube. Unter diesen vereinfachten Bedingungen habe ich drei von fünf getroffen. Ich durfte vorher die Flinte anlegen. Die Tontaube flog in einer vorher definierten Richtung. Ich war stolz auf meine Treffer.
Eines Tages kam mein Vater zu mir und fragte, ob ich schnell mit dem Auto zur Stadt fahren, um Munition vom Büchsenmacher zu holen. Ich sagte zu. Er rief dort an und gab die Bestellung auf. Ich kannte den Geschäftsinhaber. Mehrmals war ich mit meinem Vater dort. Ich fuhr hin. Er hatte sein Geschäft in der Kleinstadt in einer belebten Einkaufsstraße. Es war ein Mann mittleren Alters, der eine schwere Tasche mit mehreren Packungen aus dem Hinterzimmer holte. Ich nahm diese Tasche und schleppte sie zum Parkplatz. Im Auto stellte ich sie auf den Beifahrersitz und fuhr nach Hause. Was wäre passiert, wäre ich in eine Polizeikontrolle geraten? Es war ein Jahrzehnt, in dem man gelassen mit solchen Situationen umging.