(I)
Im September wurde ich volljährig und im Oktober konnte ich die Ausbildung in einer kleinen Gemeinde antreten. Diese war fünfzehn Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Für die tägliche Fahrt dorthin benötigte ich den Führerschein. Es war eine Fahrt über kleine Landstraßen. Eine Busverbindung gab es nicht. Nach den ersten Monaten würde ich im Schichtdienst arbeiten müssen. Im Sommer meldete ich mich in der Fahrschule an. Ich diktierte dem Fahrlehrer, dass ich bis zum Oktober die Prüfung schaffen müsse. Dieser sah es gelassen. Er meinte, die Zeit würde ausreichen.
(II)
Der Fahrlehrer hatte einen kleinen Raum im Dorf angemietet. Er lag auf der anderen Straßenseite, gegenüber meines Elternhauses. Einmal die Woche ging ich abends herüber. Zusammen mit mehreren Fahrschülern saß ich dort und horchte seinen Ausführungen. In der ersten Stunde hatte ich ein kleines Buch erworben. Mit vielen Bildern wurden Situationen aus dem Straßenverkehr erläutert und wie sich ein Fahrzeugführer korrekt verhält. In einem Heft waren die Übungsaufgaben mit Antwortmöglichkeiten aufgelistet. Hier konnte jeder angehende Verkehrsteilnehmer sein Fachwissen prüfen. Diese Aufgaben entsprachen den Prüfungsaufgaben. Auf der letzten Seite stand die Liste mit den richtigen Antworten. Jeden Abend lag ich im Bett und las ein Kapitel in dem Buch. Zettel für Zettel nahm ich mir die Aufgaben vor. Viele hatte ich korrekt beantwortet. Immer wieder gab es eine Aufgabe, bei der ich unsicher war. Oft hatte ich pro Zettel einen Flüchtigkeitsfehler. Mit dieser Quote würde ich die Prüfung bestehen. Es war einfach. Ich lernte die Theorie auswendig. Viele Situationen kannte ich aus dem Alltag. Auf dem Beifahrersitz hatte ich beobachtet, wie sich mein Vater am Steuer verhielt.
(III)
Nach der zweiten theoretischen Stunde begann der Fahrlehrer mit der ersten praktischen Fahrstunde. Im Ort packte er zwei Fahrschüler in den Fahrschulwagen. Der erste Fahrschüler fuhr bis zur Kreisstadt. In fünfzehn Minuten hatten wir die Stadtgrenze erreicht. Dort ging es über die Stadtautobahn oder durch verwinkelte Wohnbezirke. Nach fünfundvierzig Minuten wechselte der Fahrschüler. Derjenige, der vorher auf der Rückbank Platz nahm, setzte sich ans Lenkrad und der erste Zögling nahm auf der Rückbank Platz. Nach dreißig Minuten begann die Rückfahrt zur Heimatgemeinde. In den ersten Fahrstunden erhielt ich kaum Kritik, aber mit jeder weiteren Fahrstunde bemängelte der Fahrlehrer neue Fehler. Ich benötigte acht Fahrstunden für die Klasse 3. Damit konnte man ein Kraftfahrzeug mit einer Gesamtlast von bis zu 7,5 Tonnen fahren.
(IV)
Zeitgleich wollte ich den Motorradführerschein machen. Es gab keine Unterscheidung in unterschiedliche Motorradgrößen. Mit der Klasse 1 konnte man alle Motorräder fahren, unabhängig von der Leistung und der Größe des Motors. Die ersten Versuche machte ich auf einem Parkplatz. Ich setze mich auf die Maschine. Der Fahrlehrer gab mir einen Helm. Dieser enthielt eine Gegensprechanlage. Der Lehrer hatte in seinem Fahrzeug ein Mikrofon, mit dem er Anweisungen geben konnte. Eine Antwortmöglichkeit gab es nicht. Eine Unterhaltung war nur in einer Richtung möglich. Es war ein Honda-Motorrad mit 400 Kubikzentimetern. Auf dem Parkplatz konnte ich die ersten Runden drehen. Der Fahrlehrer saß, wie ich sicher die Runden drehte. Er setzte sich in sein Auto und fuhr vorweg. Ich fuhr mit dem Motorrad hinterher. Im Rückspiegel konnte er mich ständig beobachten. Über eine Sprechanlage konnte ich seine Stimme im Helm hören. So wusste ich sofort, was ich falsch gemacht hatte.
(V)
In den vierten Stunden folgten ein paar scharfe Bremsversuche. Auf dem Parkplatz fuhr ich mit einer Stadtgeschwindigkeit. Der Lehrer stand weit vor mir. Er hob die Arme und ich sollte mit Vorder- und Hinterradbremse das Motorrad akut abbremsen. ABS oder andere Assistenzsysteme gab es zu dieser Zeit noch nicht. Nach drei Versuchen war er der Meinung, dass ich dies gut könne. Es folgte der Blick über die Schulter nach hinten. Ich fuhr auf dem Parkplatz. Der Lehrer stand in geringer Entfernung hinter mir und hob einen Arm. Während der Fahrt musste ich nach hinten schauen und die Anzahl der Finger erkennen. Beide Aufgaben hatte ich bestanden.
(VI)
Nach zwei Monaten meldete er mich zur Prüfung an. Morgens brachte mich meine Mutter zur Kleinstadt. Zusammen mit mehreren anderen Prüflingen musste ich die theoretischen Fragen beantworten. Es war ein Multiple-Choice-Verfahren. Es waren die gleichen Fragen, wie sie auch in meinem Übungsheft standen. Es war eine Sachlage geschildert; oberhalb der Frage war zur visuellen Verdeutlichung ein Bild gedruckt. Darunter gab es mehrere Antwortmöglichkeiten zum Ankreuzen. In diesem Teil der Prüfung hatte ich nur ein falsches Kreuz gesetzt. Den theoretischen Teil hatte ich bestanden. Jetzt folgte die praktische Prüfung. Ich saß am Lenkrad, der Fahrlehrer, wie üblich, auf dem Beifahrersitz. Auf dem Rücksitz hatte der Prüfer Platz genommen. Bevor die Fahrt begann, musste der Fahrlehrer sein Bremspedal drücken. Es erklang ein schriller Ton. Die Fahrt begann. Bereits nach zwanzig Minuten endete die Prüfung. Wir fuhren durch ein Wohnviertel und über ein paar Verkehrsadern der Kleinstadt. Ich hatte alles beachtet, rechts vor links stets richtig erkannt, mich an den üblichen Verkehrszeichen korrekt verhalten und mich auch den Ampeln vorsichtig genähert. Wir stoppten wieder vor der Fahrschule und stiegen aus.
(VII)
Es folgte die Prüfung auf dem Motorrad. Während der Fahrstunden fuhr der Fahrlehrer mit seinem Fahrzeug voraus. Jetzt fuhr der Fahrlehrer zusammen mit dem Prüfer hinterher. Über die Sprechanlage gab er Anweisungen, wann und wo ich abbiegen sollte. Alle Straßenschilder beachten, auf den größeren Straßen die Geschwindigkeit nicht überschreiten – ich saß selbstsicher auf diesem Bock. Nach zwanzig Minuten fuhren wir auf einen Parkplatz. Wir hatten trockenes Wetter – keinen nassen Fahrbahnbelag. Es folgte eine Vollbremsung, die mir auch gut gelang.
(VIII)
Der Prüfer hatte meinen Führerschein gestempelt und unterschrieben. Er gratulierte und gab mir das edle Stück. Meine Mutter holte mich aus der Kleinstadt ab und die erste Forderung, die ich anbrachte, war die, dass ich jetzt das Familienauto fahren wolle. Sie schaute verdutzt, fand aber keine Argumente, meinen Wunsch abzulehnen. Ich hatte meinen Lappen – jetzt durfte ich Auto fahren.
(IX)
Mein Vater hat den Führerschein bezahlt, einschließlich der Klasse 1. Zusammen waren es knappe eintausend DM für den Unterricht, die Fahrstunden mit dem Auto und dem Motorrad.
(X)
Am kommenden Tag musste ich morgens um acht an meiner neuen Ausbildungsstelle erscheinen.