(I)
Der Kaffee war gekocht. Ich trank ihn – wie immer – mit viel Milch. Nach wenigen Minuten, ich hatte noch nicht geduscht, machte ich mich auf den Weg zum Friseur. Mit leichten Sandalen bekleidet ging ich in den frühen Morgenstunden die Straße entlang. Es waren nur wenige hundert Meter, an zwei Häusern vorbei und über den Marktplatz. Beim Fleischer standen mehrere Frauen, die für das kommende Wochenende ihre Einkäufe tätigten. Der Untergrund war leicht feucht. Mit schnellem Schritt ging ich die Straße weiter. Öd und leer breitete sich der Marktplatz mit seiner freien Fläche aus. Einhundert Meter in Länge und Breite, ein monoton gepflasterter Platz, ohne jeglichen Inhalt in der Mitte eines Dorfes. Auf der anderen Seite war die Schaufensterbeleuchtung des Friseurladens zu erkennen. Mit schnellem Schritt überquerte ich diesen tristen Platz und ging geradewegs auf den Laden zu. Im Schaufenster standen ein paar Dosen Haarspray nebeneinander aufgereiht. Daneben andere Produkte, die im Geschäft zusätzlich verkauft wurden. Die Metalltür quietschte, als ich sie öffnete. Ein kleiner Raum mit der Kasse und einem kleinen Tresen. Dieser Eingangsbereich teilte das Geschäft in zwei Bereiche. Geradeaus ging es in die Frauenabteilung. Rechts an der Kasse vorbeigehend wurden den Männern die Haare geschnitten. Leicht abgetrennt und ohne Einblick von außen saßen drei Männer auf einer hölzernen Eckbank und warteten. Die örtliche Tageszeitung lag zerfleddert auf dem Stuhl. Ich setzte mich dazu, nahm das Presseblatt und faltete es zurecht. Ich wurde mit Namen begrüßt und gab ein paar freundliche Worte zurück. Der Inhaber des Geschäfts, ein Friseur im Alter von 50 Jahren, bediente einen Kunden. Die Herrenhaarschnitte waren seine Aufgabe – und nur diese. Wurde der Andrang bei den Männern zu groß, half eine Angestellte aus der Damenabteilung. Dieser Bereich war abgetrennt und lag im hinteren Bereich des Salons. Gesprächsfetzen, ein lautes Lachen drang oftmals von dort herüber. Während der Friseur dem Kunden die Haare schnitt, unterhielt er sich mit ihm und den Wartenden über die Neuigkeiten des Dorfes. Wer das Klatschgespräch suchte, hatte hier den richtigen Ort gefunden.
(II)
Ich begann, die Artikel der Titelseite zu orten. Mit dem zweiten Ohr lausche ich dem Gespräch zwischen dem Friseur und seinen Kunden. Immer wieder mischen sich die Wartenden in das Gespräch ein. Die Unterhaltung war ein Gemisch aus Platt- und Hochdeutsch. Jeder sprach, wie er es zu Hause aus familiärem Kreis gewohnt war. Die Zeitungsartikel der ersten Seiten hatte ich gelesen. Vom anregenden Gespräch der Anwesenden wurde ich immer wieder abgelenkt. Der Friseur hielt einen Spiegel hoch. Der Kunde beurteilte die vollbrachte Leistung, nickte mit dem Kopf oder gab mit diesem positiven Ausdruck die Vorzüglichkeit der Leistung zu verstehen. Die Schürze wurde entfernt. Beide, Friseur und Kunde, gingen zur Kasse. Der zu zahlende Preis wurde herübergereicht, das Wechselgeld dem Kunden in die Hand gedrückt und ein paar letzte Worte gewechselt. Für einen Herrenhaarschnitt gab es einen Einheitspreis von sechzehn DM. Während an der Kasse abgerechnet wurde, setzt sich der nächste Kunde auf den Frisierstuhl. Die auf dem Boden liegenden Haare fegte der Friseur schnell mit dem Besen zusammen und schob sie in eine Ecke. Es folgt ein kurzes Frage-Antwort-Spiel, bevor er mit dem Haarschnitt begann. Wie kurz sollen die Haare geschnitten werden? Sollen die Koteletten gestutzt werden? Wie soll der Scheitel und wie der Nacken aussehen?
(III)
Vor über zwanzig Jahren hatte er seinen Friseurladen im Dorf eröffnet. Seitdem behandelt er immer die gleichen Kunden. In regelmäßigem Rhythmus erschienen sie in seinem Salon. Mit Ausnahme von zwei Frauen, die dieses Handwerk schwarz betrieben und ihre Leistung mehr nach Feierabend anboten, war er der Einzige im Dorf. Nur wenige fuhren zum Haareschneiden in die Stadt. Warum auch? Die Leistung war die gleiche. Nur selten betraten Fremde den Laden. Das Publikum, das waren die Einheimischen. Mit dem Öffnen und Schließen der Außentür war gleichzeitig eine Klingel zu hören. Ein Landwirt in Gummistiefeln und Arbeitshose erschien im Raum, blickte in die Runde und fragte: "Wie lange dauert es?" „45 Minuten! Aber wenn Du keine Zeit hast, komm in zwei Stunden wieder“, erhielt er als Antwort. Für jeden Kunden waren fünfzehn Minuten geplant. "Ich komm um 10 Uhr noch mal vorbei", konterte der Landwirt, drehte sich um und verließ den Raum. Wie der Motor seines Treckers startete, hörte man das knatternde Geräusch bis in den Salon. Seit wenigen Wochen arbeitete der Friseur auch auf Voranmeldung. Den ansässigen Landwirten war dies zu kompliziert. Sie schauen herein, wenn sie im Dorf waren. War die Wartezeit zu lang, kamen sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder vorbei. In der Zwischenzeit hatte ich die Zeitung gelesen. Auf dem Stuhl neben mir lag der Kirchenbote, eine Zeitschrift des katholischen Bistums. Innerhalb von zwei Minuten hatte ich auch diese durchgeblättert. Der letzte Kunde war fertig, erhob sich vom Stuhl und ging in Richtung Kasse. In der letzten halben Stunde waren weitere Kunden hinzugekommen. Während der Friseur das Geld in die Kasse legte, setzte ich mich auf den Frisierstuhl vor dem Spiegel. "Ganz kurz, bitte", antworte ich ihm auf seine Frage, wie er die Haare schneiden solle. Er legte mir eine Schürze um und begann zu schneiden. Wie bei jedem Besuch begann die Unterhaltung mit der Frage, ob ich Urlaub hätte. Ich verneinte und gab zu verstehen, ich würde nur wenige Tage im Dorf bleiben. Die Neugierde ist groß. Es interessierte ihn, was ich beruflich machte. Was sollte ich machen? Es gebührte der Höflichkeit, eine Antwort zu geben. Ich erkläre ihm meine jetzige Tätigkeit. Mir wurde bewusst, er würde keine Situation auslassen, diese Informationen an andere Kunden weiterzugeben. Die nächsten Kunden blätterten in der Zeitung und warteten geduldig. Alle hörten mit, wie ich die wenigen Informationen meines Lebens preisgeben musste. Mit knappen Worten beschrieb ich meine berufliche Situation und schilderte ausführlich, wie ich im letzten Jahr meinen Urlaub verbracht hatte. Dieses Unwichtige konnten alle wissen. Aus einer Woche Urlaub machte ich zwei. Wer sich eine ausgiebige Urlaubsreise leisten kann, dem geht es gut, und so hoffte ich, die Schilderungen würden meiner Reputation verbessern. Schnell waren die fünfzehn Minuten vorbei. Wie der Friseur den Spiegel hochhielt, konnte ich seine Arbeit von allen Seiten betrachten. Durch ein zustimmendes Nicken würdige ich seine Leistung. Die Schürze wurde gelöst. Ich ging zur Kasse, legte die sechzehn DM passend auf den Tresen und verabschiedete mich. "Lass dich mal wieder sehen." waren die letzten Worte, bevor ich den Salon verließ.