(I)
Wir hatten einen alten Schwarz-Weiß-Fernseher. Ein langes Kabel führte die Wand entlang auf den Dachboden. Unter den Dachpfannen war die Antenne ausgerichtet. Das Erste, das Zweite und ein Regionalprogramm wurden ausgestrahlt. Private Fernsehsender gab es in diesen Jahrzehnten nicht. Der Bildschirm bestand aus einem kriseligen Bild. Bei Fußballübertragungen war der Ball in diesem 'Grau-in-Grau' nicht zu erkennen. Mit einem Drehknopf wurde der Sender gewechselt. Unterhalb vom Bildschirm bewegte sich beim Drehen ein kleiner Zeiger auf einer Skala. Es wurde gedreht, bis der Zeiger eine bestimmte Stelle erreicht hatte. Aus dem Einheitsgrau auf dem Bildschirm entstand ein Bild. Es war Feingefühl notwendig, um den Sender optimal einzustellen. Es war die Zeit der großen Fernsehshows. Auf dem ersten Programm begannen sie nach der Tagesschau. Sie bestanden aus Gesangseinlagen mit einem Orchester im Hintergrund. Alles wurde live gespielt. Aufzeichnungen oder Playbacks kannte man noch nicht. Die Moderatoren waren national bekannt und das Fernsehpublikum erfreute sich an seinen Fernsehlieblingen. Tanzte das Fernsehballett und waren die Tänzerinnen nur leicht bekleidet, wurde in unserer Familie oftmals das Programm gewechselt. Unsere Familie war katholisch. Jeden Sonntag gingen wir zur Kirche. Solch unzüchtige Bilder von halbnackten Frauen wollte man nicht sehen.
(II)
Alle zwei Tage fuhr mein Vater mit dem Fahrrad zur Molkerei. Als ich das zehnte oder zwölfte Lebensjahr erreicht hatte, übernahm ich öfter diese Arbeit. Am Lenker hingen zwei Milchkannen. In dem Verkaufsraum dieser dörflichen Milchverarbeitung gab man sie der Dame hinter dem Tresen. In einem großen Bottich tauchte sie eine Schöpfkelle und goss die Milch in die mitgebrachte Kanne. Die Kelle fasste einen Liter. Ein Nachmessen, ob die gewünschte Menge in die mitgebrachte Kanne geschüttet wurde, entfiel. Eine einfache Methode, die Menge zu berechnen. Der Preis wurde entrichtet, die Münzen auf dem Tresen gelegt. Mit den vollen Kannen am Fahrradlenker ging es wieder zurück zum eigenen Haus.
(III)
An einem Nachmittag spielte ich mit zwei gleichaltrigen Bauernsöhnen. Sie stammten von zwei angrenzenden Bauernhöfen. Der Bauer hatte mehrere Kubikmeter weißen Sand vor seinem Haus auf einen Haufen gekippt und etwas auseinandergestrichen. Für uns Kinder war es ein großer Sandkasten ohne Begrenzung. Darin lagen viele Spielzeuge. Keine Trecker und Wagen und andere Gerätschaften, wie man sie auf einem landwirtschaftlichen Gehöft in Originalgröße sieht. Einer der Bauernsöhne hatte die Idee: „Wir spielen Bauernhof.“ Die beiden Mitspieler hatten konkrete Vorstellungen von dem Spiel. Sie wollten einen Bauernhof nachspielen, wollten die Situationen nachahmen, wie sie sie aus der Welt der Erwachsenen kannten. Sie teilten den Sandkasten in drei Teile. Zwischen den drei Teilen wurde eine kleine Rille gezogen, damit diese drei Bereiche gut sichtbar abgetrennt wurden. Diese Furche stellte einen kleinen Fluss dar. An mehreren Stellen bauten sie kleine Brücken, Übergänge, die die drei Bereiche miteinander verbanden. Ich erhielt den Teil, in dem nur loser trockener Sand lag. Der Sandhaufen befand sich unter großen Eichen und die Sonne hatte dem mir zugeteilten Teil sämtliche Feuchtigkeit entzogen. Die beiden anderen legten die ersten Wege an und bauten mit ihrem feuchten Sand ein kleines Haus und einen Stall. Sie hatten genaue Vorstellungen von dem, was sie dort erschufen. Zwischen den Wegen schufen sie quadratische Felder, die sie als Acker bewirtschaften oder als Wiese für die Küche nutzen wollten. Hinter ihren kleinen Spielzeug-Traktoren hielten sie ein Stöckchen, welches einen Pflug darstellte. Sie fuhren auf ihren imaginären Feldern hin und her und deuteten damit an, sie würden es pflügen. Das Stöckchen wurde durch ein anderes ersetzt, welches eine Egge darstellte. Die Sandkastenbereiche meiner beiden Spielkameraden nahmen Gestalt an. Jeder hatte sein Areal säuberlich einer wirtschaftlichen Nutzung unterworfen. Ratlos saß ich in meinem Wüstensand. Aus ihrem Elternhaus kannten die zwei Bauernsöhne die Abläufe ihrer Betriebe. Für mich war alles fremd. Den ganzen Nachmittag ahmten sie die Arbeiten nach, die im Frühjahr, im Sommer und im Herbst in einem landwirtschaftlichen Betrieb anfallen. Zuerst wurde etwas gesät und eine halbe Stunde später musste die Ernte eingeholt werden. Die kleinen Traktoren und Wägelchen wurden umgearbeitet, um die Arbeiten damit erledigen zu können. Gegenseitig gaben sie sich Ratschläge, erzählten dem anderen, was sie gerade taten. In den zwei, drei Stunden, die wir dort verbrachten, pflügten sie ihre Felder um, säten sie und brachten die Ernte in ihre imaginäre Scheune unter. Für die anstehenden Wintermonate, in denen es keine Feldarbeit gab, reparierten sie ihre angeblich defekten Spielzeugtraktoren. Sie hatten Spaß an ihrem Werkeln. Verlegen saß ich dort, beobachtete ihr Treiben. Meine Unkenntnis war den Beiden nicht aufgefallen. Sie kannten die bäuerlichen Abläufe und setzten voraus, auch andere müssten es wissen. Sie waren mit sich selbst beschäftigt und bemerkten nicht meine Unwissenheit. Sie hatten Spaß an diesem Nachspielen und ich saß in dieser übergroßen Sandkastenecke, auf meinem fiktiven Gehöft, und wusste nicht, wie ich vorgehen sollte. Meine Eltern hatten keinen Bauernhof. Mein Vater war Handwerker und der eine Hektar Ackerland hinter dem Haus war nicht gleichbedeutend mit einem eigenständigen Gehöft. Dieses unternehmerische landwirtschaftliche Handeln habe ich aus meinen täglichen Erfahrungen nicht erlernt. Sie überblickten, wann Roggen und Weizen gesät werden mussten und wann gemäht werden konnte. Sie wussten, welche Saat im kommenden Jahr nützlich sein könnte und welche Tiere den höchsten Ertrag boten. Aus dem Elternhaus kannte ich nur das Einsammeln der Kartoffeln auf unserem kleinen Acker. Alle anderen landwirtschaftlichen Entscheidungen blieben mir fremd. Wie wir unser Spiel beendet hatten und ich meinen Heimweg antrat, war ich verwirrt von dem, was die beiden dort fabriziert hatten.
(IV)
Jahrzehnte später verstand ich dieses Nachspielen, dieses Nachahmen, diesen Aufbau einer Miniaturwelt und die damit einhergehende Verfestigung der eigenen Selbstsicherheit. Kinder schauen auf ihre Eltern und sie spielen die Tätigkeiten der Erwachsenen nach. Die ältere Generation gewährt ihren Nachkömmlingen einen Einblick in ihren Lebensalltag. Mit dieser Offenheit erhalten die Kleinen einen Überblick über die Verantwortung der elterlichen Tätigkeiten. Auf einem Bauernhof und auch in unternehmerisch tätigen Familien ist diese Transparenz vorhanden. Die Kinder erleben im Alltag, wie über die bäuerlichen Tätigkeiten oder über Abläufe im Unternehmen gesprochen wird. Diese Eltern haben ein Interesse daran, ihre Sprösslinge in die Prozesse mit einzubeziehen. Die Kleinen spüren, wie Entscheidungen zu finanziellem Erfolg führen oder eine Fehlentscheidung die Erträge mit der nächsten Ernte mindern kann. Gibt der Vater oder auch die Mutter nichts von ihrem Tun preis, besitzen sie nicht den Elan und die Muße, ihre Sprösslinge in die Welt der Großen einzuführen, so fehlt den Kleinen in ihrem erwachsenen Leben ein wichtiger Erfahrungsschatz. Diese Errungenschaften, die in der Kindheit erworben werden, können später nicht oder nur schwer nachgeholt werden. Dabei muss es nicht die berufliche Tätigkeit sein, die an die Kinder weitergegeben wird. Gleiches gilt für das handwerkliche Können oder für Freizeitaktivitäten des Vaters oder der Mutter. Diese Fertigkeiten werden den Kindern mit spielerischen Methoden dargestellt. Stehen sie mit einer großen Portion Leidenschaft hinter ihren unternehmerischen Arbeiten, springt die Vorliebe für dieses Faible auf die nächste Generation über. Wer mit Freude eine Aufgabe angeht und die eigenen Kinder einbezieht, dem ist gewiss, dass das Interesse auch auf die Kleinen überspringt. Spürt der Vater nicht das Verlangen, hat er nicht das Verständnis, seine Erfahrungen weiterzugeben, so wird er nicht die Neugierde seines Nachwuchses wecken.
(V)
Es vergingen einige Wochen. Jetzt saßen wir mit sechs oder sieben Kindern auf dem Bauernhof. Eines dieser Nachbarschaftskinder brachte die Idee ein, wir könnten 'Doktor spielen'. Die Tiere waren draußen und die Diele des Bauernhofes war frei. Eine kleine, abgetrennte Ecke stellte die Arztpraxis dar. In ein paar kleinen leeren Flaschen wurde Wasser eingefüllt. An der Wand hing ein alter Kittel. Einer wurde zum Arzt erkoren und zog ihn an. Wir anderen setzten uns drei Meter entfernt auf eine kleine Bank. Der Erste wurde von dem Arzt, dem Kittelträger um die Ecke, in dieses Arztzimmer gebeten. „Was fehlt ihnen denn?“, hörte ich meinen Spielkameraden fragen. Der andere antwortete, er habe Schmerzen. Auf welchen Körperteil er zeigte, konnte ich, der in dem fiktiven Wartezimmer saß, nicht erkennen. Zwischen dem Arztzimmer und der Wartebank waren die Halterungen, in denen sonst die Kühe standen, während sie gemolken wurden. Es fielen ein paar weitere Sätze. Der letzte endete mit der Übergabe einer dieser kleinen Flaschen, dieser heilsamen Medizin, die der Patient jetzt dreimal täglich zu sich nehmen sollte, bevor er aus dem Arztzimmer begleitet wurde und der Arzt den nächsten, einen weiteren Spielkameraden, zu sich in sein Zimmer bat. Wir hörten gespannt zu, welche Leiden angegeben wurden, was der Spielkamerad, der den Arzt spielte, tat und wie die Therapie endete. An diesem Nachmittag durfte jeder eine Krankheit erfinden und sie gespielt vortragen. Am Ende des Arztbesuches erhielt jeder Patient ein kleines Fläschchen, das wir vor dem Spiel mit Wasser gefüllt hatten. Der eine simulierte Bauchschmerzen, dem anderen taten die Beine weh. Es waren Symptome, die sie aus ihren Familien kannten. Die Runde war schnell beendet und die angegebenen Leiden oftmals die gleichen. Wir wussten zu wenig über den Alltag einer Arztpraxis. Jeder, der dort auf der Wartebank saß, hatte ein- oder zweimal in seinen jungen Jahren eine Arztpraxis gesehen. Diese erlebten Arztbesuche, die in der Welt der Erwachsenen zwanzig Minuten dauerten, wurden auf ein paar Sätze gekürzt. Mit den wenigen Kameraden war diese Runde schnell beendet. Auf einem Bauernhof wird es nie langweilig. Es gibt immer Neues zu entdecken und für die weiteren Tage hatten wir andere Ideen.