(I)
Wir wohnten abseits des Dorfes. Das Elternhaus stand an einer vielbefahrenen Bundesstraße, einen Kilometer von der Kirche entfernt. Meine Großeltern hatten es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut und mein Vater hat es von seinen Eltern übernommen. Drei Generationen lebten hier unter einem Dach. Das Wohnhaus hatte einen Vorgarten, seitlich davon einen Gemüsegarten und auf der anderen Seite einen angrenzenden Acker. Dahinter befand sich ein kleiner Stall. Dieses 'alte' Haus blieb bis 1973 der Mittelpunkt unseres Lebens. Meine Eltern bauten ein 'neues' Haus, mitten im Dorf, ohne Vorgarten, ohne Stall und ohne Acker, direkt neben der Kirche und wieder dicht an der Bundesstraße gelegen.
In dem alten Haus drang das Rattern der Lastwagen durch die Gemäuer. Mit den Jahren steigerte sich der Verkehr und die Laster wurden größer. Wir konnten diesen Zustand nicht ändern und mussten uns damit abfinden. Unsere Ohren nahmen dieses ständige Gedröhne nicht mehr wahr.
Das alte Haus, es diente uns allen als Obdach. Mein Vater hatte hier seine berufliche Existenz aufgebaut. In einem seitlichen Raum hatte er seine Schusterwerkstatt. Ein vorderes Zimmer war als Verkaufsraum für Schuhe eingerichtet. Hinter der Werkstatt war eine Diele, die auf den Hof führte. In einer abgetrennten Ecke übernachtete der Jagdhund. Während des Tages lief er angekettet an einer Leine auf dem Hinterhof. In einer anderen Ecke befand sich die Toilette. Diese bestand aus einem einfachen Holzsitz mit einer darunterliegenden Grube. Ein Holzdeckel hielt die Gerüche zurück. Hinter diesem Plumpsklo gab es einen Durchlass in der Außenwand des Hauses. Von dort lief alles in eine Sickergrube. Mehrmals im Jahr wurde die Grube geleert. Die angesammelten Exkremente wurden mit einem übergroßen, schaufelartigen Schöpflöffel und mit einer Schubkarre auf die Gartenbeete ausgefahren. Im Bad in der oberen Etage gab es eine weitere Toilette mit Wasserspülung. Für den täglichen Gebrauch reichte uns Familienmitgliedern das Klo im Erdgeschoss.
Der ebenerdige Wohnbereich war getrennt in eine Küche, einen Aufenthaltsraum und eine 'beste Stube'. In der oberen Etage schliefen meine Eltern. Eine Tante, die bei uns wohnte, hatte hier ihr Zimmer. Zwei weitere Räume waren vollgestellt mit Schuhkartons. Im Winter lagerten hier die übrig gebliebenen Sommerschuhe, im Sommer die Winterschuhe. Wir Kinder schliefen im Erdgeschoss. Im Vorschulalter musste ich zusammen mit meinem Bruder und der Großmutter ein Zimmer teilen.
In der Nachbarschaft waren wir die erste Familie mit Telefonanschluss. In anderthalb Meter Höhe hing eine quadratisch schwarze Box mit einer großen Wählscheibe an der Wand. Für uns Kinder war dieser Kasten unerreichbar. Meine Mutter war als Hebamme tätig. Wenn sie zu Hause war und das Telefon klingelte, wussten alle, dass sie in wenigen Minuten zum Krankenhaus aufbrechen würde. Wir waren die Kommunikationszentrale für die Nachbarschaft. Bei uns riefen Menschen an und baten darum, Nachrichten an die Nachbarn zu übermitteln. Mein Vater schrieb sie auf einen Zettel und wir Kinder brachten sie zum Empfänger. Auch kamen die Nachbarn zum Telefonieren zu uns herüber. Sie tätigten ihren Anruf und hinterließen zwanzig oder vierzig Pfennig – die Kosten, die das Gespräch verursachte. Die Post, die bis in die Siebzigerjahre für den Telefondienst verantwortlich war, unterschied zwischen einem Orts-, einem Regional- und einem Ferngespräch. Abends ab sechs Uhr wurden die Tarife günstiger. Die Einheit kostete circa zwanzig Pfennig und galt für alle Telefonate. Nur die zeitliche Taktung unterschied sich zwischen den einzelnen Arten.
Vom Hintereingang des Hauses gelangte man auf eine kleine Diele, von dort in die Küche und weiter in den täglichen Aufenthaltsraum, ein Wohnzimmer für den Alltag. Hier wurden die Mahlzeiten eingenommen. Das Haus hatte eine kleinräumige Aufteilung, typisch für die damalige Zeit.
Die zwei Etagen des Wohnhauses wurden mit zwei Holzöfen geheizt. Einer stand im Wohnzimmer, der zweite in der Schusterwerkstatt meines Vaters. Für extrem kalte Tage hatten sich meine Eltern einen kleinen elektrischen Heizventilator angeschafft. Während der eisigkalten Tage hilft nur eines: Lange Unterhosen, einen dicken Pullover anziehen und alle Türen geschlossen halten.
(II)
Die beste Stube wurde nur benutzt, wenn uns Verwandte besuchten. Sonntags, nach dem Kirchgang und dem Mittagessen, oder bei feierlichen Anlässen setzte man sich mit den Onkels und Tanten in diesen Raum. In der Mitte stand ein Tisch, belegt mit einer weißen Tischdecke. Darauf eine kleine Vase mit Blumen oder eine Schale mit selbstgebackenen Keksen. Zum Essen wurde das beste Servies aus dem Schrank hervorgeholt. Der Schrank bestand aus zwei Teilen. Der obere Teil war eine Vitrine. Sichtbar hinter dem Glas wurde das verzierte Porzellan zur Schau gestellt. Der untere Teil vom Schrank war nicht einsehbar. Hinter den Holztüren wurden die Tischdecken verstaut. Vor dem Fenster hingen Gardinen – der Stolz einer jeden Hausfrau. Seitlich waren es dezent farbliche Vorhänge. Der obere Teil des Fensters war mit weißen Gardinen verhangen. Auf der Fensterbank standen größere Blumen. Die Gardinen und Blumen verhinderten den Einblick von außen.
(III)
Das Bad in der oberen Etage bestand aus einer kleinen Wanne, einer Toilette und einem Waschbecken. Neben der Wanne stand ein zwei Meter hoher Wasserbehälter mit einem darunterliegenden Ölbrenner. Dieser fasste ein oder zwei Wannenfüllungen. Am Samstag war Badetag. Stunden vorher wurde ein langer, brennender Papierstreifen unter dem Heizkessel gehalten. Das Heizöl unter dem Brenner erhitzte sich. Langsam wurde die Flamme größer. Nach dreißig Minuten war das Wasser heiß und wurde in die Wanne eingelassen. Eine Wannenfüllung reichte für alle Kinder. Reihum wurden wir in dem Wasser gebadet. Oftmals war es mehr ein mütterliches Sauberschrubben. Mit einem Waschlappen wurde der Körper, von den Haaren bis zu den Füßen, vom wöchentlichen Dreck gesäubert. Ich hasste es, wenn das Haarshampoo in die Augen drang und dort einen Schmerzreiz auslöste. Während der Woche gab es nur eine Säuberung am Waschbecken. Die ersten Neubauten im Dorf waren mit einer Dusche ausgestattet – wir hatten noch keine.
Ging man die Treppe hinauf in die erste Etage, stand man auf einem kleinen Flur. An der Decke war eine kleine Holzplatte mit einem kleinen Hebel zu sehen. In der Ecke stand eine Stange, mit der dieser Hebel umgelegt werden konnte. Langsam sank die Platte nach unten. Daran war eine Holzleiter befestigt. Die Arretierung wurde gelöst und die Holzleiter sank auf den Boden. Es war der Durchgang zu dem nicht ausgebauten Dachboden. Einmal in meiner Kindheit war ich dort oben unter den Dachpfannen. Dort standen ein paar alte Kisten. An jedem Holzbalken hatten die Spinnen ihre Netze gezogen. Mein Vater hatte dort ein altes Fischernetz und eine Fischharpune, bestehend aus einem langen Holzstab mit einem aufgesetzten Dreizack, gelagert. Hier wurden die Freizeitaktivitäten sichtbar, denen die jungen Leute in den Vor- und Nachkriegsjahren nachgingen. Auf dem Lande gab es kein Kino. Sie hatten kein Auto. Zur Fortbewegung nutzen sie ein Fahrrad. Sie beschäftigten sich mit dem, was sie hatten. In dem Bach, der am Rande der Gemeinde verlief, konnte man Fische fangen.
(IV)
Hinter dem Haus stand ein kleiner Stall, halb so groß wie das Wohnhaus. Auf der Hausseite war eine Waschküche untergebracht. Im vorderen Teil stand eine Art Waschkessel und ein weiterer Bottich diente zum Einwecken von Obst. Im Sommer und Herbst wurden die leeren Einweckgläser aus dem Keller geholt und darin wurden verschiedene Früchte eingekocht. Hinter der Waschküche war ein kleiner Schweinestall, ein Raum von wenigen Quadratmetern, in dem das Schwein nachts eingesperrt wurde. Er bot Platz für ein ausgewachsenes Tier. An der Seitenwand des Schuppens war eine Klappe angebracht, die morgens geöffnet wurde und dem Schwein den Auslauf zur Wiese ermöglichte. Abends trieben wir es zurück und schlossen den kleinen Ausgang. In der Mitte des Stalles war die Garage für den VW-Käfer. An der hinteren Wand war ein Meter abgetrennt, in dem das geerntete Weizenkorn gelagert werden konnte. Im Herbst, nach der Ernte, standen hier Säcke, voll mit Roggenkörnern. Regelmäßig wurden sie kontrolliert. Eine Maus könnte kleine Löcher in die Säcke beißen und hätte hier eine fette Beute gemacht. Auf der anderen Seite war ein Hühnerstall untergebracht. Tagsüber liefen die Hühner auf dem Hof. Meine Eltern warfen die Schalen von gekochten Eiern auf den Hof, wo sie von den Hühnern aufgepickt wurden. In späteren Jahren wurden sie abgeschafft und in dem freigewordenen Raum die Fahrräder untergestellt. Der Platz zwischen Haus und Stall war gepflastert. Auf der Rückseite des Schuppens gab es einen Raum für Brennholz. Als ich das Schulalter erreichte, hatte mein Vater mit einem Bauern vereinbart, ob er ein paar Bäume des angrenzenden Waldes schlagen durfte. Er fällte sie mit einer gewöhnlichen Axt und zog sie die wenigen Meter auf unseren Hinterhof. Dort wurden sie zersägt. Der Stall hatte einen kleinen Dachboden, der durch eine schmale Luke erreichbar war. Für die Schweinehaltung lagerten hier einige Strohballen. Im Herbst fuhren wir mit dem Auto in die angrenzenden Wälder. Am Sonntagnachmittag suchten wir Tannenzapfen oder kleine, auf der Erde liegende Äste. Mein Vater hatte Jutesäcke eingepackt, die wir mit diesem Kleinholz befüllten. Wieder zu Hause füllten wir damit unseren Brennholzvorrat auf. Zu dieser Zeit hielten meine Eltern das Prinzip der Selbstversorgung aufrecht. Vielmehr war meine Großmutter die treibende Kraft. Sie war aufgewachsen in einer Zeit der Selbstversorgung. Meine Eltern hatten in ihrer Kindheit die Kriegsjahre erlebt und kannten den Mangel. Warum also teures Heizöl kaufen, wenn die Tannenzapfen auch als Heizmittel herhalten? Warum Kartoffeln oder Äpfel im dörflichen Tange-Emma-Laden kaufen, wenn sie auch auf dem eigenen Feld gedeihen oder am eigenen Baum wachsen?
(V)
Das Grundstück bestand aus drei Bereichen. In der Mitte stand das Wohnhaus und dahinter der Stall. Vor dem Gebäude war eine Art Ziergarten, bestehend aus einem Blumenbeet, einer Rasenfläche und einer Auffahrt. Kamen Kunden, die Schuhe kaufen wollten oder sie zur Reparatur brachten, stellten sie ihr Auto hier ab. Es reichte für ein Fahrzeug. Meine Mutter und meine Großmutter befreiten das Beet vom Unkraut. Mein Vater und wir Kinder mähten alle zwei Wochen den Rasen. Es musste gepflegt aussehen.
Seitlich vom Haus, umzäunt von einer meterhohen Hecke, war ein großer Gemüsegarten. Hier wuchsen Erdbeeren, Rhabarber, Erbsen, Möhren und Bohnen. Die Gartenarbeit erledigten wir mit Spaten und Forken. Elektrische Gartengeräte hatten wir nicht. Als die Erbsen gepflückt waren, gruben wir die Flächen mit dem Spaten um, stachen anschließend kleine Löcher in den Boden und setzten dort neue Setzlinge ein. In einer Reihe waren zwei Meter hohe Holzstangen gesteckt, an denen Bohnen emporrankten. Ein Apfel- und ein Birnbaum lieferten das Obst. Als die Früchte reif an den Ästen hingen, kletterte einer hinauf und schüttelte die Äste. Die Äpfel fielen in den lockeren Sandboden. Wir sammelten sie auf und packten sie in große Körbe. In den Folgetagen wurden sie zu Apfelmus gekocht und in Weckgläser konserviert. Die Birnen wurden geschält, halbiert und in Gläser eingeweckt. Die Menge deckte den Bedarf eines Jahres. Bis zu ihrem Verzehr standen die Gläser säuberlich aufgereiht auf dem Kellerregal.
Auf der anderen Seite war eine kleine Wiese für das Schwein und ein Acker, auf dem Kartoffeln oder Weizen angebaut wurden. Während der Kartoffelernte krochen wir stundenlang in gebückter Haltung über das Feld. Ein Nachbar kam mit einem Traktor vorbei. Die Erde wurde umgewälzt. Sichtbar lagen die Kartoffeln auf dem Acker. Die ganze Familie, Großmutter, Eltern und die Kinder, sammelte die Knollen zusammen, bevor der Nachbar mit seinem Traktor die Erde wiederholt umwälzte und weitere Erdäpfel aus dem Erdreich holte. Die mühselige Arbeit begann von vorn. Taten wir dies für andere Bauern, erhielten wir abends einen kleinen Lohn. In der eigenen Familie gab es keine Entlohnung.
Die Arbeiten im Garten oder auf dem angrenzenden Feld wurden mit einfachen Geräten bewältigt. Einen Traktor besaßen nur die Bauern. Unser kleiner Acker war für eine solche Investition zu klein.