(I)
Alle zwei Wochen spielte mein Vater zusammen mit mehreren Unternehmern des Dorfes Doppelkopf. Dienstagabend, um Punkt acht Uhr trafen sie sich, um in geselligem Beisammensein dieser Leidenschaft zu frönen. Mehrmals im Jahr spielten sie in unserem Elternhaus. Am Nachmittag suchte mein Vater die Karten und kontrollierte sie auf Knickstellen. Ein zweites Päckchen lag als eiserne Reserve in der Schublade. Doppelkopf-Karten gab es nicht zu kaufen. Wer es spielen wollte, musste zwei Skatblätter mischen. Mit abgewetzten Karten zu spielen, hätte ihm in dieser Runde viel Kritik eingebracht. Er packte den Kühlschrank voll mit Bierflaschen. Obendrauf legte er eine Flasche Doppelkorn.
(II)
Mit dem Glockenschlag der Kirchturmuhr kamen sie hereingeschneit. Pünktlich kamen sie und setzten sich an unseren Esstisch. Hier hatte jeder seinen Stammplatz. Ohne vorher große Worte zu wechseln, begannen sie mit dem ersten Spiel. Einer mischte die Karten und legte sie seinem rechten Tischnachbarn vor. Dieser hob einen Teil der Karten ab und legte diesen Packen daneben. Der Kartengeber packte die Karten, die vorher unten lagen, jetzt nach oben. Mit dieser gängigen Methode schlossen sie Manipulationen aus.
(III)
An jedem Platz stand ein Bierglas. Saßen alle am Tisch, holte mein Vater die ersten Flaschen aus dem Kühlschrank. Es wurde gepflegt aus dem Glas getrunken. Einige stellten es auf die Fensterbank, damit es beim Spiel nicht störte. War eine Bierflasche leer, holte ich eine neue aus der Küche.
(IV)
Erst während des Spiels stellt sich heraus, wer mit wem zusammenspielt. Es gibt zwei Herzzehn. In einer Spielrunde mit fünf Spielern bilden diese zwei Spieler ein Team. Nur: Wer hat diese zwei Karten? Es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Spieler beide Karten hat und es nicht ankündigt. Mit dieser Konstellation würde er alleine gegen alle anderen antreten. Mit einem guten Blatt auf der Hand kann es zum alleinigen Gewinn führen. Am Anfang eines jeden Spiels müssen viele Alternativen berücksichtigt werden. Liegen die ersten Karten auf dem Tisch, ist es ein Rätselraten, wer der Mitspieler sein könnte. Sie alle hatten jahrelange Erfahrung. Jeder beobachtete seine Kollegen. Einer legte die erste Karte auf den Tisch. Welche Karte legten die anderen dazu? Konnte daraus ein Rückschluss gezogen werden? Als die erste Herzzehn auf dem Tisch lag, wurden die Verhältnisse deutlicher.
(V)
Das Ansagen vor dem Spiel war eine gängige Methode, den Spielgewinn zu erhöhen. Wer ein ‚Re‘ ansagte, hatte eine Herzzehn in seinem Blatt und war sich siegessicher. Hatte ein Mitspieler der Gegenseite auch gute Karten, konnte er es mit einem ‚Kontra‘ erwidern. Jede Ansage erhöhte den Einsatz. Oftmals blieb es nicht bei diesen zwei. Auf dem Kontra folgten eine oder zwei weitere Erhöhungen. Die anderen drei Spieler wussten, mit wem sie zusammenspielten. Die Karten waren ungleichmäßig verteilt. Bei solchen Spielen saßen die anderen drei Spieler mit einem miserablen Blatt daneben und hatten die Aufgabe, die passende Karte dazuzulegen. Legte ein Spieler eine Karte mit einer hohen Punktzahl dazu, wussten alle, welcher Seite er angehörte.
(VI)
Ob mit oder ohne Ansage, eine falsche Karte auszuspielen oder dem Stich hinzuzulegen, konnte in einem temperamentvollen Wortgefecht enden. Kurzzeitig wurde die Stimmung hitzig, aber nie aggressiv. Sie nahmen es sportlich. Es war ein Wettkampf und jeder wollte den Sieg erringen. Hier spielten die Unternehmer vom Dorf. Sie mussten sich tagtäglich behaupten. Gegenüber ihren Mitarbeitern und ihren Kunden mussten sie ihre Handlungen gut begründen. Sie lieferten ‚gute Arbeit‘ ab. Beschwerte sich ein Kunde, mussten sie die Situation einschätzen. Entweder hatten sie die Leistung nachzubessern oder dem Kunden ihr korrektes Handeln zu erläutern. Diese Selbstsicherheit zeigten sie auch bei diesem Spiel. Den Mitspielern wurde deutlich gesagt, wenn er eine falsche Karte gezogen hatte. Er hätte es doch besser machen können. Nach einem kurzen Wortgefecht, einem kurzen Hin und Her von kritischen Worten, war es wieder ruhig. Keiner verstand diese Kritik als persönlichen Angriff. Hatte sich jemand über die Spielweise seines Mitspielers beschwert, gab es zwei kritische Sätze. Mit der gleichen Schnelligkeit, mit der die Aufregung entstand, war sie wieder beigelegt. Der Ärger war vergessen. Für die anderen Spieler gab es keinen Grund, besänftigend einzugreifen.
(VII)
Sie spielten um fünf Pfennig pro Punkt. Mit wenigen Ausnahmen blieb der Betrag unterhalb von einer DM. Der Gewinn oder Verlust an einem Abend überschritt selten die fünf DM. Der Verlust eines Spiels glich sich mit den Gewinnen der anderen Spiele aus. Nach jedem Spiel schoben die Verlierer die passenden Münzen in die Mitte des Tisches. Die Gewinner nahmen sich ihren Anteil. Das nächste Spiel begann.
(VIII)
Neben dem Bierglas lagen ein paar Groschen oder Fünfpfennig-Münzen. Selten musste ein Spieler sein Portemonnaie herausholen und seinen Münzvorrat auffüllen. Niemand wurde arm in dieser unterhaltsamen Runde und keiner ging mit einem überwältigenden Gewinn nach Hause. Das Kartenspiel war für sie eine Abwechslung zu den alltäglichen Aufgaben. Sie wollten ihren Alltag mit interessanten Dingen anreichern. Sie kamen zusammen, um zu spielen. Es war ihr Hobby.
(IX)
Über die ‚große Politik’ verloren sie kein Wort. Zu Hause las jeder die Tageszeitung. Alle waren informiert über das politische Geschehen. Die Fakten der politischen Großwetterlage waren bekannt. Warum also groß darüber diskutieren? Besondere Geschehnisse aus dem Dorf erwähnten sie mit wenigen Sätzen. Berichtete jemand von einem Ereignis, so gab es zwei oder drei Anmerkungen von den Spielkollegen, bevor sie sich wieder dem Spiel widmeten. In gleicher Weise, wie sie sich in ihrem Unternehmen auf die beruflichen Aufgaben konzentrierten, war ihre Aufmerksamkeit jetzt auf das Kartenspiel gerichtet.
(X)
Gerne setzte ich mich an diesem Abend für eine Runde dazu. Von einem Eckplatz schaute ich in die Karten der neben mir sitzenden Spieler. Wortlos saß ich dort und beobachtete die anderen. Ich kannte die Karten von zwei Personen und hatte damit einen Informationsvorsprung. Für mich war es eine große Erfahrung, mitzuerleben, wie sie vorgingen.
(XI)
Ging ein Spieler zur Toilette, wurde ich gefragt, ob ich seinen Platz übernehmen wolle. Gerne nahm ich diese Gelegenheit wahr. Mit den Karten in der Hand saß ich konzentriert da und analysierte die Situation. Wer könnte mein Mitspieler sein und wer war mein Gegner? Fehler wollte ich vermeiden und hitzige Kritik wollte ich nicht einstecken müssen. Gehörte ich zu den Gewinnern, nahm ich mir den Betrag vom Tisch und legte ihn zu den Münzen des Toilettengängers. Ich spielte mit seinem Geld. Gehörte ich zu den Verlierern, war es mir peinlich, die paar Groschen aus dem Bestand zu nehmen und in die Tischmitte zu schieben. Mein Tischnachbar bemerkte meine Schüchternheit und schob die Münzen von ‚meinem‘ Haufen in die Tischmitte.
(XII)
Bis Mitternacht spielten sie ihre Runden. Eine Viertelstunde vorher begann die letzte Ehrenrunde. Während im normalen Spiel zwei Spieler gegen die anderen drei antraten, spielte jetzt einer alleine gegen alle anderen. Wer jetzt schlechte Karte bekam und das Spiel verlor, musste alle anderen bezahlen. Bei einem Verlust wurde ein Betrag von zwei oder drei DM fällig.
(XIII)
Nach dieser letzten Runde blieben sie ein paar Minuten sitzen, bevor sie beschwipst aufbrachen. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad waren sie gekommen und so traten sie wieder den Heimweg an. Bei der Ankunft hatten sie ihr Vehikel vor dem Haus abgestellt. Jetzt stiegen sie wieder auf und trampelten den kurzen Weg zurück.
(XIV)
Auch der Bankdirektor spielte in dieser Truppe mit. Als Nachbar meiner Eltern wohnte er auf der anderen Straßenseite oberhalb der Bankfiliale. Es war in einem kalten Wintermonat, als sie alle an unserem Küchentisch saßen. Am Folgetag klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und am anderen Ende der Leitung fragte der Bankdirektor, ob sein Anorak an unserer Garderobe hing. Er sagte, in der Seitentasche müsse ein Schlüsselbund sein. Ich schaute nach und konnte seine Frage bestätigen. Ich nahm den Anorak vom Bügel und brachte ihn zu ihm herüber. Es war die Zeit, in der jeder in der kalten Jahreszeit einen Bundeswehrparka trug. Diese sahen alle gleich aus. Er war mit dem Parka gekommen und hatte den Rückweg ohne diesen angetreten. Vielleicht hatte er an dem Abend zuvor eine Flasche Bier zu viel getrunken. Am Schlüsselbund waren alle Schlüssel von der Bank. Jetzt wusste ich, wie ein Tresorschlüssel aussah. Auch die Sicherungsanlage hätte ich damit entsichern können.